Graue Welt

Er schraubt seinen Füller auf, nimmt die leere Patrone heraus, schneidet sie auf und entnimmt ihr fast professionell die kleine Glaskugel. Bis heute ist ihm unklar, was sie darin eigentlich verloren hat. Sie gleitet durch die Rillen auf seiner Handfläche und verliert immer mehr und mehr ihre nachtblaue Farbe, bis sie schlussendlich fast durchsichtig ist. Nachdem sie dreimal auf- und abgesprungen ist, rollt sie nun in einer leichten Rechtskurve auf die Tischkante zu. Es fällt ihm schwer, der flüssigen Bewegung der Kugel zu folgen, denn die zwei Stunden Schlaf, die er letzte Nacht hatte, reichten wie immer nicht aus, um sich auch nur halbwegs auf die Welt um ihn herum zu konzentrieren. Als die Kugel den Abgrund erreicht und kurz davor war, im grauen Nichts des altmodischen Linolbodens zu verschwinden, konnte er sich plötzlich voll und ganz auf sie konzentrieren. „Bin ich diese Kugel?“, fragt er sich. „Habe ich im Lauf meines Lebens all meine Farbe verloren und bin jetzt einer wie alle?“, geht es ihm durch den Kopf. Genauso gut hätte er daran denken können, wie man die Fallgeschwindigkeit oder die Zeit, die die Kugel benötigt, um den Boden zu erreichen, berechnen kann. Doch ist es nicht genau das, was einen grau macht? Ruckartig schießt er unter den Tisch, um die kleine Glaskugel vor dem Verschwinden in der Unendlichkeit zu bewahren. Die ganze Klasse schrickt auf, schaut ihn an und fängt an zu lachen. Er könnte jetzt vor Scham im Boden versinken, doch das Gelächter der Klasse scheint auf eine unsichtbare Wand zu treffen. Als er seine Faust öffnet und sieht, dass er sie gefangen hat, beginnt er zu lächeln.

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