Gedicht

0

Auf der Suche …

Noch immer auf der Suche,
noch immer ohne Ziel,
noch immer voller Unrast
verlange ich zu viel?

Die Augen voller Sehnen,
das Herz voll Zuversicht.
Und trotzdem mit dem Wissen:
Das Ende kenn ich nicht.

Lebt vielgelebte Träume,
oft trunken fast vom Glück.
Durchschritt zerquälte Räume –
die Sehnsucht nahm ich mit.

Bin noch nicht angekommen
trotz aller innrer Pein,
und frage mich beklommen,
wie wird das Ende sein?

Will noch nicht akzeptieren,
dass ich auch endlich bin.
Bin weiter auf der Suche
nach meinen Zielen hin.

Christa Schreiber

9

Endlichkeit

Es gibt die Nacht die Sonne frei,
lässt sie vom Schlaf erwachen;
still schwimmt der Ond.
Ich frag mich, was des Tages sei,
ob Weinen oder Lachen,
das in mir wohnt.

Der Himmel blaut, ein leider Hauch
von einem fernen Frühlingstag,
mein Herz schlägt laut.
Verschlafen wachen Vögel auf,
der erste leise Lerchenschlag
ist mir vertraut.

Ich grüß den Morgen nach der Nacht,
die ewig mir schienen ist;
wie schon so oft.
Mir scheint, es hat jemand gelacht,
der so wie ich nach dieser Nacht
mit mir gehofft.

Ich frage mich, was soll der Schmerz
so schwer auf meiner Seele
wie ein Gewicht.
Die Ungewissheit drückt mein Herz
kann mir jedoch die Antwort wählen:
Verzage nicht.

Christa Schreiber

5

Abschied und Neubeginn

Ein letzter Flecken Schnee
in einer Senke sich versteckt,
weiß, wie die Schleierwolke,
die das Himmelsblau bedeckt.
Der Winter ging, ließ zum Gedenken
noch diesen letzten Gruß.
Der Frühling kommt, er muss,
wenn auch auf leisen Sohlen,
zaghaft und mild; um alle zu beschenken.
Geputzt die blinden Winterfenster,
gewechselt die verblichenen Gardinen,
um so der Sonne freie Bahn zu bieten;
denn in den Gärten prangt ein Farbenmeer
von Frühlingsblüten,
erfreuend Herz und Seelen.
Heimkehr der Vögel, die aus vollen Kehlen
danken all jenen, die ihr Leben hütenl
Die Fröhlichkeit ist überall zu fühlen.
Hoffnung geht auf: Dies wird ein gutes Jahr
Vergessend allen Gram und alle Schmach;
und auch den Streit, der Vieler Lieben trennte.
Dies wird ein Jahr der allseitigen Wende.
Wende wovon? Wende für wen?
Wohl auch für den, der zweifelnd hoffte
auch eben dieses Jahr. Wie wahr,
wenn Zweifel sich erklären,
und gut ist auch, sich dann und wann zu wehren,
dass eben dieses Jahr
für jeden die Erfüllung bringt.

Christa Schreiber

5

Erkenntnis

Haare werden dünner,
Falten werden mehr,
Nägel wachsen schneller,
laufen fällt sehr schwer.
Gelenke werden dicker,
dünner wird die Haut,
die Liebe, die hat ausgeliebt,
jetzt wird nur noch geschaut;
den Jüngren hinterher –
zu andrem reichts nicht mehr.
Hier mal ein Pfiff,
dort mal ein Witz,
und manchmal ein Gedankenblitz:
Wie es doch früher war,
mit damals vollem Haar,
mit seidenweicher Haut;
da ward nicht nur geschaut
Doch Reue kommt zu spät,
hab ich genug gelebt,
hab ich genug geliebt?
und was es sonst für Fragen gibt –
doch nichts ist mehr zu sagen:
als, sie war schön, die Zeit,
die unvergessen bleibt.
Gelebt hab ich doch gern,
ist auch das Lieben fern –
was soll dann die Tirade?
Ich kann nur denken:
Schade!!

Christa Schreiber

6

Herbstliches

Wie Bleikristalle hängen in den Zweigen
die Raureiftropfen der Septembernacht.
Die Nebelschleier tanzen ihren Reigen
bis sie zur kühlen Morgensonne treiben,
die herbstlich trüb am Horizont erwacht.

Der graue Tag, der öffnet seine Augen,
die ohne Glanz und ohne Wärme sind.
Im Blätterbunt der Reben hängen Trauben,
die letzten Glanz der Sonnenstrahlen rauben,
bis überreif sie fallen im Septemberwind.

Die Herbstzeitlosen streuen blaue Flecken
ins Gelb und Rot des goldigbraunen Hains.
Der Winter naht; doch aus der Reben Hecken,
wo honigsüß die Trauben sich verstecken,
fließt bald des Baccuss lebensvoller Wein.

Christa Schreiber

4

Ruhla – Momentaufnahmen meiner Heimat

Als Dreizehnhundertfünfundfünzig
Ein neuer deutscher Kaiser thront,
Im Frankenreich der schwarze Prinz nicht
Das Land und nicht die Menschen schont,
Trat eine Siedlung frisch ans Licht
Mit Namen Rolla, klar und schlicht,
Dem Bache gleich, der springt und fließt
Und in den Erbstrom sich ergießt.

Die Köhler waren’s und die Schmiede,
Die diesen Ort gegründet hatten,
Um Holz und Erze, ganz solide,
Zu bergen in des Waldes Schatten.
Und auch des Krieges Wehr, die Waffen,
Wurden ganz meisterhaft geschaffen.
Dann kamen Hirten, kamen Bauern,
Und Wohlstand wuchs in Ruhlas Mauern.

Das Messerschmieden kam zur Blüte
Wie nicht ein zweites Mal im Land,
Den Rühler Schmied mit starker Güte
Graf Ludwig sah mit schwacher Hand
Und wurde hart, so hart wie Eisen,
Dem eigenen Adel zu verheißen
Nie mehr zu sein des Volkes Plage.
Welch‘ guter Stoff für eine Sage!

Doch Einigkeit ist nie von Dauer,
Wenn Trennung dunkel niedersinkt,
Geteilte Länder tragen Trauer,
Da Zwietracht niemals Segen bringt.
Auch Ruhla trug der Spaltung Fron
Und stand zwei Herzögen in Lohn.
Zwei evangel‘sche Kirchen zeugen
Noch heut‘ vom unfreiwill‘gen Beugen.

Das Messerhandwerk ging dahin
Im kleinstaatlichen Walten,
Doch lag darin auch der Beginn,
Um Neues zu entfalten.
Als Kurbad kam die Stadt zu Ruhm,
Bekannt im ganzen Königtum.
Die Forstwirtschaft gedieh zur Ehre
Dank Forstrat Königs Waldmesslehre.

Und auch des Kunsthandwerks Erfahrung
Niemals verging an diesem Ort.
Der Hände und des Geistes Paarung
Sie leben hier auf ewig  fort.
Geschnitzter Tabakspfeifen Pracht
Hat Ruhla neue Ehr‘ gebracht.
Der Meerschaum-Pfeifenköpfe Stil
Empfing der Lobgesänge viel.

Hurra! Hurra! Sie alle rufen:
Hurra! Und nie war Lebenslust
So groß. Auf vielen Straßen, Stufen
Sieht man manch‘ stolzgeschwellte Brust.
Denn Stadtrecht wurde heut‘ verkündet
Auf das die Stadt zur Stadt sich findet.
Kurz darauf auch die Teilung endet:
Die Stadt geeint, das Blatt gewendet.

Und weiter ging des Handwerks Streben
Den gold‘nen Boden zu bereiten,
Die Industrie entstand, um Leben
Und  Reichtum stetig auszuweiten.
Speziell die Produktion von Uhren
Prägte das Bild in Ruhlas Fluren
Für mehr als hundertzwanzig Jahre.
Das Gott noch länger sie bewahre!

Gegründet Achtzehnzweiundsechzig,
Metallwaren der Brüder Thiel
Verkauften sich ringsum so prächtig,
Dass bald ihr Blick auf Uhren fiel.
Erst kamen Spiel-, dann Taschenuhren
Aus Ruhlas Manufakturen.
Die Stadt, sie wurde weit bekannt
Im Ausland und im Heimatland.

Als erster deutscher Produzent
Baute man Armbanduhren dann,
Erfolgreich bis zu dem Moment,
Als aus dem Nichts ein Krieg begann.
„Was machen wir?“ fragten die Gründer
Und fertigten von da an Zünder.
Ging auch der zweite Krieg verloren:
Die Uhren wurden neu geboren.

War jetzt der Staat ein völlig Neuer
So wie das Produktionssystem,
Es glühte doch das alte Feuer
Im Uhrenbau wie ehedem.
Ganz neu entstand die Uhrfabrik
Durch sie erwuchs auch Ruhlas Glück.
Und lange sonnt‘  im hellsten Glanz sich
Die Uhr Kaliber vierundzwanzig.

Doch Staaten können selbst zerbrechen,
Auch wenn sie lange Zeit nichts merken;
Denn manchmal nur sind‘s eig‘ne Schwächen,
Doch häufig and‘rer Staaten Stärken.
Und brachte Freiheit auch die Wende:
Ging doch manch‘ Gutes hier zu Ende.
Das Uhrenwerk ward  liquidiert
In kleine Firmen überführt.

Die Stadt stand wieder vor dem Nichts,
Gezwungen, neu sich zu entdecken.
Sie tat’s entschlossen, angesichts
Zahlreicher wirtschaftlicher Schrecken.
Touristisch fing der Ort jetzt an
Mit mini-a-thür und Rodelbahn.
Als neuster Abschnitt Rühl’scher Dichtung
Entstand die Ferienhaus-Lichtung.

Und blick‘ ich heut‘ aus meinem Zimmer
Auf diese Stadt, voll Zärtlichkeit;
Schau‘, wie sie träumt im Abendschimmer
Von manch‘ großer Vergangenheit.
Seh‘ der Bewohner Ehrlichkeit,
Die mir ans Herz wuchs mit der Zeit.
Dann weiß ich: Mit nur etwas Mut
Wird sicher alles, alles gut.