Literaturwettbewerb 2018

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Das politische Essay – Nationalismus im Jahr 2018 – wichtig oder gefährlich?

Der Nationalismus ist seit jeher ein umstrittenes Thema. Auch in der aktuellen Zeit werden die Menschen schief angeschaut, wenn sie darüber reden, was auch nicht zuletzt mit den Ereignissen in unserer Geschichte zu tun hat.

Aber fangen wir bei den Wurzeln an. Was ist Nationalismus? „Nationalismus ist eine Ideologie, die eine Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder einer Nation anstrebt und letztere mit einem souveränen Staat verbinden will.“ (Wikipedia)

„Entweder man gehört zu denen, die glauben, sie können alles allein lösen und müssen nur an sich denken. Das ist Nationalismus in reinster Form. Das ist kein Patriotismus. Denn Patriotismus ist, wenn man im deutschen Interesse auch andere mit einbezieht und Win-Win-Situationen akzeptiert.“ Diese Sätze stammen von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus einer Bundestagsrede vom 21.11.2018.

Frau Merkel steht schon seit Jahren in der Kritik, nicht zuletzt auch wegen ihrer Flüchtlingspolitik. In diesem Zitat beginnt sie den Satz mit „Entweder“, lässt dem Zuhörer allerdings gar keine andere Wahl, da sie nur eine Variante von Nationalismus auflistet und danach einfach mit ihrer Rede fortfährt. Ich denke, dass Nationalismus etwas anderes als Egoismus ist, denn das ist es, was sie beschreibt.

Die Menschen sind von Natur aus dazu bestimmt, sich in Gruppen und kleinen Völkern zusammenzufinden. Wobei jedes dieser Völker einen eigenen Nationalcharakter entwickelt. Dies kann enorme Maße annehmen und die Menschen fangen an, nach internationaler Macht zu streben. Eine Art des Imperialismus wird geboren. Die Menschen erreichen nun viele ihrer Ziele und bekommen immer mehr Selbstvertrauen. Sie sind bald schon so sehr von sich überzeugt, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, jemals woanders zu leben. Man versucht nun um jeden Preis, das Land, in welchem man so glücklich lebt, zu verteidigen. Währenddessen strebt man immer mehr Macht an. Das machen nun alle Menschen so und es wird normal, sich unter diesen Umständen zu verschanzen. Die Stimmung wird immer angespannter, denn jeder will der alleinige Herrscher sein. Nun gehen die erschaffenen Nationen schon so weit, dass sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzen wollen und gehen sogar so weit, diese auszuschalten, auf die grausamste Art und Weise. Das ist dann eine extreme Form von übersteigertem Nationalismus. So ist unter anderem vor rund 100 Jahren der erste Weltkrieg ausgebrochen. Dabei kamen dann noch die Waffen, das Wettrüsten und die Uneinsichtigkeit der Menschen hinzu. Abgesehen von Kriegen, sollte man absolut immer bedenken, dass durch den Nationalismus auch den unfähigsten Leuten zur Macht verholfen wird. Übersteigerter Nationalismus ist also gefährlich.

Als 2015 um ganz Europa die Grenzen für alle Migranten und Flüchtlinge der Welt geöffnet wurden, wurde Deutschland regelrecht von ihnen „überschwemmt“. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Nun gab es einige, die der Meinung waren, man soll sie abweisen. Die Regierung entschied allerdings dagegen und ließ alle Flüchtlinge und Migranten passieren. Als man nun 2017 merkte, dass es nicht zu bewältigen ist, wurde Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel stark für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert, dass sie nicht in der Lage sei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie lud die Flüchtlinge sogar ein, nach Deutschland zu kommen. Durch die Millionen Auswanderer in unserem Land gab es natürlich auch Parteien, die die Furcht der Menschen ausnutzten, um Hass zu schüren. Die Menschen waren unzufrieden.

Angela Merkel sagt weiter, dass der Patriotismus nicht die Zusammenarbeit mit anderen Ländern ausschließt. Und ich finde es ebenfalls sehr bemerkenswert, dass sie auf die Zusammenarbeit mit anderen Ländern so viel Wert legt und dass sie versucht, dass bei internationalen Entscheidungen alle Seiten am Verhandlungstisch sitzen. Es hat natürlich auch viele Vorteile für Deutschland, internationale Zusammenarbeit zu pflegen.

Doch was ist nun das Richtige? Ist es vielleicht ein vereintes Europa ohne einzelne Nationen? Kann man das allgemein feststellen oder ist das Ganze situationsabhängig? Eine wichtige Frage ist vielleicht noch, warum sind so viele Menschen nationalistisch? Was treibt sie an und warum sind andere Menschen dagegen?

Mit Sicherheit spielt es eine Rolle, dass die Bürger in ihrem Land ein gewisses Heimatgefühl haben, welches sie bewahren wollen. Das Ganze fängt ja schon beim Sport an. Mit Nationalstolz ist man viel motivierter und freut sich eventuell auch noch mehr über einen Sieg für das eigene Land. Vielleicht fühlen sich die Menschen auch einfach nur sehr wohl in dem Land, in dem sie leben und können sich nicht vorstellen, woanders zu wohnen. Aber spricht man hierbei dann schon von Nationalismus?

Ich denke, wenn jemand seinem Staat Loyalität beweisen möchte, dann hat er das Recht dazu. Solange man nicht den Wert des eigenen Landes über den, anderer Länder stellt, ist das völlig legitim. Außerdem würde den deutschen Politikern dieser Zeit etwas mehr Nationalstolz nicht schaden. Man soll natürlich auf keinen Fall wieder ein Groß-Deutsches-Reich aufbauen, aber hier und da auch mal „nein“ sagen, würde unserer Heimat sicher sehr zugute kommen. Viele Politiker sind damit aber häufig vorsichtig, nicht zuletzt wegen der Geschichte des Landes. Sagen wir „nein“ zu Flüchtlingen, sind wir die „ausländerfeindlichen Nazis“ und das, finde ich, geht zu weit. Deutschland muss nicht zu allem „ja“ sagen, nur weil vor ca. 80 Jahren etwas ereignet hat, was einige Menschen immer noch nicht verdaut haben. Zwar war es der Nationalismus, der die Menschen dazu verleitete, der Regierung Folge zu leisten, aber muss man diese beiden Begriffe deshalb immer zusammen nennen? Nein, muss man nicht. Ich denke, etwas mehr Aufklärung und neutraler Schulunterricht wäre hier der richtige Ansatz. Es kommt immer häufiger vor, dass Lehrer im Unterricht mit ihren persönlichen Meinungen die Kinder beeinflussen. Das darf so nicht weiter gehen, denn den Kindern soll auch von klein auf schon die Möglichkeit gegeben werden, sich ihre Meinung selbst zu bilden.

Leider muss ich auch feststellen, dass der Nationalismus den Zielen der Menschen und der Regierung der Länder immer öfter im Weg steht. Ein vereintes Europa mit der EU kann so viel bewirken. Doch jedes Land hat seine eigenen Ziele und jedes Land möchte seine eigenen Interessen durchsetzen. Es wird immer zu Kompromissen kommen müssen. Damit gibt sich jeder zufrieden, aber keiner ist wirklich glücklich. Man könnte in der internationalen Politik so viel mehr Probleme lösen und man könnte die Verhältnisse zwischen den Ländern stärken, doch die meisten haben nur Augen für ihr eigenes Land. Die Wirtschaft hingegen lebt von Import und Export. Man hat den Handel auf den Weltmarkt übertragen und kein Land produziert nur noch für sich selbst. Deutschland ist eines der exportüberschussreichsten Länder der Erde und erwirtschaftet sich dadurch viel Kapital. Ist das auch eine Form des Nationalismus, Frau Merkel?

Der Grundgedanke des Nationalismus ist nicht zwingend schlecht, aber wie er ausgelebt und von anderen aufgenommen wird, steht auf einem anderen Blatt. Wenn ich natürlich als Nationalist sage, dass Deutschland wieder ein imperialistisches Großmachtstreben entwickeln soll und dass andere Staaten sogar als Feinde gewertet werden und man das eigene Land als mehr wert ansieht als alle anderen, dann ist das übersteigerter Nationalismus in reinster Form und dann ist es klar, dass dieser auch von anderen als sehr fragwürdig bezeichnet wird. Wenn man allerdings lediglich stolz auf das Land, auf dessen Traditionen und dessen Eigenschaften ist und dies auch, da man gesetzlich das Recht dazu hat, öffentlich äußert, dann sehe ich darin keinen Grund, dies als moralisch verwerflich zu betrachten. Trotzdem denke ich: Der Nationalismus gedeiht am prächtigsten durch die Enttäuschung der Menschen.

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/bundestag-generaldebatte-125.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalismus

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Die bunte Unterwasserwelt Aquarella

Es war einmal eine wunderschöne, kleine Unterwasserwelt namens Aquarella. In dieser Unterwasserwelt waren alle glücklich, jeder hatte Spaß, keiner war alleine und alles war kunterbunt. Im Wasser glitzerten alle Tiere und Pflanzen in den prächtigsten Farben. Doch nur in Aquarella war die Welt bunt, außerhalb war nichts bunt – keine Wälder, Felder, Städte, Dörfer. Ja, sogar die Menschen waren schwarz-weiß.

Eines Tages kam ein Fischer mit seinem schwarz-weißen Boot. Er wollte gerade angeln, als er Aquarella sah. Er fragte sich: „Was sind das denn für Farben? Ich kenne nur die Kontraste schwarz-weiß.“ Sein Fischerboot hieß Tornado. Und den Namen verdiente es, denn in Null Komma nichts war der Mann bei Aquarella. Die Tiere spielten derweil unter Wasser. Der Mann dachte sich: „Wieso haben die Farben und wir nicht? Diese egoistischen Lebewesen wollen wohl nicht teilen?! Dann fische ich die Farben eben heraus.“ Er holte sein Netz und warf es ins Wasser. Dann holte er es wieder heraus. Er freute sich und machte sich und seine Kleidung bunt. Der Fischer hatte auch einen Fisch, den er in einem großen Gurkenglas hielt. Auch ihm wollte er eine Farbe geben. Aber nein, er gab ihm von jeder Farbe einen Klecks. Nun sah der Fisch wunderschön aus. Der Mann sagt zu seinem Fisch: „Rosenrot, ich möchte, dass alles Farbe bekommt.“ Er gab dem Himmel die Farbe Blau. Dieser spiegelt sich im Wasser. Nun hatte auch das Wasser eine Farbe, auch wenn sie heller und blasser war. „Jetzt will ich den anderen auf der Welt auch Farbe geben, “ sagte der Fischer und fuhr mit seinem Boot los. Dabei fiel das Gurkenglas um und der Fisch plumpste ins Meer. Die Tiere und Pflanzen hatten inzwischen einen großen Schreck bekommen, denn ihre Farben waren weg. Rosenrot wollte hinter dem Schiff herschwimmen, konnte es aber nicht einholen und schwamm zu einem nahegelegenen Korallenriff. Es war Aquarella. Sie sah, dass die Fische schwarz-weiß waren, gar nicht bunt wie sie. „Hat euch mein Fischer nicht bunt gemacht wie den Rest der Küste?“ fragte sie. „Nein, im Gegenteil“, antwortete ein weißer Fisch namens Flipper. Er hat uns die Farben gestohlen. „Ach ihr seid die, die von der Farbe nichts abgeben wollten.“ „Das stimmt doch gar nicht, wir wussten doch gar nicht, dass nur wir Farben haben“, mischte sich ein kleiner Fisch ein. Da antwortete Rosenrot: „Na gut, ich glaube euch. Aber wie kann ich euch helfen? Mein Fischer ist mit den Farben schon weg, aber ich könnte jedem ein bisschen von meiner Farbe abgeben.“ Von dieser Idee waren die Fische in Aquarella begeistert. So gab Rosenrot den Fischen Farbe von sich. Am Ende hatte Rosenrot nur noch rot. Sie war sehr betrübt. Ihr hatten die vielen Farben auf ihren Schuppen gefallen. Da hatte ein Fisch die Idee das Rot mit Weiß und Schwarz zu mischen. Das sah toll aus.

Nachdem sie nun so viele neue Freunde gefunden hatte, wollte Rosenrot für immer in Aquarella bleiben. Alle waren wieder glücklich in ihrer bunten Welt!

ENDE!

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Max – Das Rätsel einer Zeit

Stille, ewige Stille füllte den leeren Raum mit Erinnerungen. Bei dem Gedanken daran, fühlte es sich so an, als würde meine Seele gefrieren und in dem Moment wusste ich: Ich hätte mir niemals einbilden sollen, das Rätsel lösen zu können.

Aber angefangen hatte alles, als ich vor ein paar Tagen in der Nacht ein Geräusch hörte, das wie ein leises Ticken einer großen, alten Uhr klang. Doch ich war so sehr im Schlaf versunken, dass ich nicht wusste, ob es echt oder nur eingebildet in dem Geflüster meiner Gedanken zu hören war. Ich versuchte zwar, mich darauf zu konzentrieren, aber das stumpfe Ticken war nicht mehr zu hören. Die scheinbar endlos mitreißende Stille zog sich wieder durch den ganzen Raum, nahm mich ein und wog mich wieder sanft in den Schlaf.

… Ich lief den Weg weiter entlang ins Dorf, über die schmale, mit Kopfsteinpflaster gebaute Brücke und wollte gerade in die nächste Gasse einbiegen, als ich auf einmal eine große, unheimliche Gestalt in schwarzem Mantel sah, die geradewegs durch die Gasse rannte. Plötzlich machte sie halt und drehte sich verängstigt nach mir um, als hätte sie gewusst, dass sie beobachtet wurde. Schnell versteckte ich mich hinter der alten Brücke und fuhr in mir zusammen. Mein Puls raste so schnell wie noch nie und das Herz pochte so heftig als wollte es herausspringen.

Nachdem die Gestalt nicht mehr zu sehen war, atmete ich tief durch und guckte vorsichtig über die Brücke hinweg. Dabei entdeckte ich etwas Interessantes, was die Person dem Anschein nach verloren hatte. Es war ein zerknitterter mit der Aufschrift „Max“ versehener Zettel, auf dessen Rückseite dem Jahr 2018 handgeschrieben in altdeutscher Schrift stand…

Ich öffnete langsam blinzelnd die Augen. Erschrocken und zugleich auch erleichtert stellte ich fest, dass es nur ein Traum war. Das dachte ich zumindest. Denn auf einmal bemerkte ich etwas ziemlich Hartes, was furchtbar nach Erde roch. Ich nahm es in die Hand und stellte verwirrt und voller Erstaunen fest, dass es der mysteriöse Zettel aus meinem vermeintlichen Traum war. Kurz darauf kroch mir der eigenartige, feuchte und zugleich trockene Geruch in die Nase, während ich begann, das Blatt vorsichtig aufzufalten. Und ich entdeckte tatsächlich den mit dunkler Tinte geschriebenen Namen und das über 100 Jahre alte Datum. Jedoch war dies nicht das Einzige, was ich zu sehen vermochte. Fast unscheinbar, sich am Rande des Blattes verbergend erkannte ich eine kleine, gar unlesbare Schrift, mit der ich auf den ersten Blick nichts anfangen konnte. Doch plötzlich, dank eines sanften Lichtstrahls, der von der Sonne durch das schmale Fenster des Zimmers zart auf mich herabzusinken schien, spiegelte sich der unbekannte Schriftzug erst spärlich und dann immer deutlicher zu erkennen auf dem von Glas bedecktem Ziffernblatt meiner dunkelblauen Uhr. Ohne nun den Lichtschein zu verlieren, blickte ich immer näherkommend auf das Glas meiner Uhr und betrachtete die kurz hinterlassene Nachricht: Es ist deines Schicksals Weg.    

In diesem Moment wurde mir klar: Ich muss tatsächlich zur Brücke!

Draußen war es für einen Spätsommertag kalt und windig. Dichter Nebel legte sich über die Straßen und den Ort. Die Sonne kam kaum aus den Wolken heraus und war nur schwer zu erkennen. Doch das stürmische Wetter hielt mich nicht auf. Nichts konnte mich nun noch von meinem Weg abbringen. Eine Antwort suchend blickte ich auf zum wolkenbedeckten Himmel. Jedoch empfing ich weder die erhoffte Antwort noch einen Einfall, der mir die Augen öffnen und helfen konnte.

Plötzlich sah ich einen aus dem Nichts erschienenen alten Mann, den ich noch nie zuvor im Ort gesehen hatte.

Es schien, als wäre er schon fast 100 Jahre alt. Jedoch nicht wegen der Haut oder seines Ganges, obwohl er einen großen Regenschirm als Gehstock nutzte, der ihn bei seiner Art zu laufen, zu unterstützen schien, sondern wegen seiner Kleidung und seines Stils. Er trug eine Art Sakkoanzug, wie ich ihn oft schon in Schwarzweißfilmen gesehen hatte, eine weite, geradegeschnittene braune Hose und schwarze, glänzende Schuhe. Zudem bedeckte ein dunkler Homburg Hut die schwarzen Haare des Mannes und warf einen Schatten auf seine hellen Augen. Je näher er kam, desto mehr erkannte ich sein Gesicht, obwohl ich ihn nie wahrhaftig gesehen hatte. Seine Augen schienen immer heller zu werden, obwohl sie ihre Farbe nicht änderten und der Mann blickte nun vorsichtig, aber unheimlich ausdrucksstark vom Boden auf, als trüge er eine einzigartige Gabe in sich.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und mein Körper zuckte kurz zusammen, nachdem der Unbekannte sich durch den dichten Nebel zu erkennen gab. Der Alte sah mich genau untersuchend an. Auch ich konnte einer genaueren Betrachtung nicht widerstehen und riskierte es, ihm eines Blickes zu würdigen.

Seine grünen, aber gleichzeitig auch hellblauen Augen waren voller Hoffnung auf Glück und trugen förmlich die unendliche Wissbegierde in sich, wie ich sie noch nie zuvor in meinen Leben gesehen hatte.

Seine markante Narbe am schmalen, spitzen Kinn war dieselbe wie ich sie schon gefühlt mein ganzes Leben lang hatte. Nur seine Haare waren anders, so schwarz wie der Tod und das Unglück.

Endlich begann sich mir in Gedanken eine Tür zu öffnen, deren Eintritt ich keinesfalls verwehren wollte, denn hinter ihr schien es, als gäbe es auf jede Frage eine Antwort, in der sich jedes Puzzleteil zu einem Bild zusammenfügte, und jeder Weg zu einem Ziel führte, das ich nun vor Augen hatte.

Doch, was ich vor allem an dem rätselhaften Mann besonders fand, war, dass er mir alles nahezu Unerklärliche erzählte, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Ich konnte seinem tiefen Blick, der wie ein offenes Fenster seiner Gedanken war, lange nicht entweichen. Doch während er an mir vorbeilief und meine Jacke mit dem großen Holzgriff des Regenschirms streifte, drehte ich mich zitternd um und rief mit weinerlicher Stimme innerlich zusammenbrechend: „Max!“

Der Alte blieb versteinert wie im Boden verankert stehen und stützte sich mit seinem scheinbar verletzten Arm auf den großen, grauen Regenschirm. Offensichtlich hatte er mich wirklich gehört. Jedoch machte er keine Anstalten, sich mir auch verbal zu öffnen, sondern deutete stattdessen mit dem anderen Arm hoch zum Waldesrand, wo die alten, fast vergessenen Erlengräber lagen. Seinem Blick folgend sah ich den Berg hinauf und noch bevor ich ihm eines dankbaren Blickes würdigen konnte, war er genau so rätselhaft ins Nichts verschwunden, wie er auch erschienen war.

Ich blickte noch eine Weile auf die unscheinbar wirkende Stelle, an der sich bis eben noch einer der bedeutendsten Personen meiner Familie befand, rannte dann jedoch nach diesem Moment des Innehaltens mit voller Entschlossenheit, Max´ Nachricht zu entschlüsseln und damit vielleicht sogar ein geheimnisvolles Rätsel der Vergangenheit zu lösen, in die Richtung des alten Friedhofs.

Darüber nachdenkend, was er mir zu sagen versucht hatte, näherte ich mich nach Luft schnappend langsam dem längst vergessenen Friedhof der Kriegsgefallenen aus dem Ersten Weltkrieg, der später in Vergessenheit geriet und durch die umliegenden Erlen zuwuchs.

Der Wind pfiff in schrillen Tönen immer stärker werdend über die Wiesen und Felder, die ich bereits hinter mir gelassen hatte, und krümmte die uralten heruntergekommenen Bäume so, dass sie nur noch verelendet mit ihren fast ganz aus dem Boden herausgedrückten Wurzeln neben dem fruchtbaren Boden der grünen Wiese standen und mitleidig anzusehen waren.

Oben angekommen öffnete mir ein kalter Windstoß quietschend die Tür des halb zerfallenen Friedhofzauns.

Vorsichtig schritt ich durch den rostigen Eingang des Ortes hindurch. Furcht erfasste mich und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als ich die Anlage geradeausschauend betrat. Verborgen, versteckt in der hintersten Ecke der alten Begräbnisstätte, entdeckte ich ein riesiges Grabmal aus Naturstein, das mit einer Oberfläche ähnlich einer Patina überzogen war, und vor dem sich eine beängstigende Statue, die einer unheimlichen Mohnblume glich, befand. Doch meine Neugier packte mich und ich lief geradewegs zur grünlich wirkenden Mauer. Bedächtig ging ich den schmalen und steinigen Weg zur anderen Seite, die von einer Art Rondell etwas eingegrenzt und von den anderen Gräbern abgelegen war. Je mehr ich mich der abschreckenden Mauer näherte, umso mehr erkannte ich die in Stein gemeißelte Widmung auf dem breiten Mittelstück, auf dem am oberen Rande ein vergoldeter Lorbeerkranz zu sehen war.

Nun stand ich vor dem festen Stein und traute mich kaum, genau hinzusehen, denn plötzlich spürte ich eine heftige Böe, die mir fast den Boden unter meinen Füßen wegriss, und bemerkte, wie sich die Wolken am Himmel zuzogen und es um mich herum immer düsterer wurde. „Nein, ich drehe jetzt nicht um, jetzt, wo ich so nah daran bin, die Wahrheit herauszufinden.“, versuchte ich selbstbewusst in die Welt hinauszurufen und mich nicht von meiner Angst einnehmen zu lassen.

Ich trat mutig vor das Grabmal. Mein Blick fiel zuerst auf die mittig stehende Inschrift, die ich begann, laut vorzulesen:

Den tapferen Söhnen, die mit Heldentod für Volk und Vaterland im Kriege starben:
Wo ihr auch ruhet nach des Herren Rat,
auf künftiger Erde mit blutiger Saat,
nimmer vergangen im deutschen Land,
so setzt euch zur Ruh‘ in des Herren Hand.

Meine Augen füllten sich mit Tränen und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ein schauerliches Gefühl umgab mich, Furcht ergriff meinen Geist. Mit einem Mal fühlte ich mich in den endlosen Weiten des nebligen Mischwaldes verloren. Mein Verstand betete mich an, diesen Ort zu verlassen und meine Beine verspürten den leichten Drang, mich an einen sicheren zu bringen. Aber irgendetwas in mir hielt mich dort und bewegte mich zu bleiben, wenigstens einen Moment.  

Näher herantretend berührte ich den mühsam gefertigten Lorbeerkranz des gewaltigen Mauersteins und fühlte, wie sich meine Finger in die tiefen Mulden und Einkerbungen legten, als ich ein auffällig weich klingendes Geräusch hörte. Vorsichtig trat ich einen Schritt zurück und vernahm das dumpfe Geräusch stärker. Ich wusste nicht, wo es herkam oder was es war. Doch noch bevor ich dies herausfinden konnte, war es auch schon verschwunden. Nun umgab mich nur noch die unheimliche Stille des auf einmal fast leeren Friedhofs. Allein ein leises Rauschen der Blätter war zu hören. Fragend drehte ich mich voller Furcht um, aber auch daraus gewann ich keine Erkenntnis.

Hoffnungslos und verwirrt schaute ich mich auf dem verwucherten Friedhof um. Mein Blick fiel auf die zwei Platten mit den Namen der Gefallenen, welche unscheinbar neben der großen aufgestellt worden waren. Interessiert betrachtete ich das Geschriebene und erfasste es mit Augen und Verstand.

„Walter Anders: 10.08. 1888 bis 15.09. 1915, Albert Fischer: 23.03. 1898 bis 02.10.1918 (vermisst), Karl und Erwin Schilling: 06.11.1894 bis 05.11. 1916“, ging ich langsam mit pochendem Herzen durch die Reihen.

Der Wind schien stärker zu werden, die mich umhüllende Stille wurde zur einer mächtigen Nebelgestalt, die mich immer mehr mit ihrem Sog erdrückte und die Luft drohte knapper zu werden. Doch ich blieb standhaft die nächsten Daten erblickend stehen und las weiter: „05.10.1881 bis 08.07.1917 Max He-“ Mein Atem stockte. Geschockt sah ich vom Stein auf und hielt die Luft an. Es fühlte sich so an, als umgäbe mich eine erstarrte Welt aus eisiger Kälte, die drohte, auch mich einzunehmen. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Stand ich wirklich vor dem Grab meines Vorfahren, über den nie jemand ein Wort verloren hatte, obwohl man seine Existenz nicht leugnen konnte?  Nach einem kräftigen Atemzug besann ich mich wieder und betrachtete aufgewühlt das mühselig in Stein Gemeißelte. Ich begann meine Hände über das Ausgearbeitete zu streifen. Plötzlich blieb ich in der tiefen Mulde des X hängen, die möglicherweise wie der Hühnergott am Meer durch Verwitterung oder kräftige Winde entstanden war. Doch das erschien mir als irreführende Unwahrheit. Verblüfft berührte ich den Schriftzug noch einmal, fühlte die nach innen immer größer werdende Vertiefung und drückte vorsichtig dagegen. In diesem Augenblick blätterte ein Teil der Steinplatte der äußeren Seite ab und fiel zu Boden. Erschrocken zog ich meine zarten Finger aus der tiefen Kuhle und ließ meinen Blick zur rauen Außenseite der Tafel schweifen. Voller Erstaunen entdeckte ich dort eine kleine Öffnung an der unscheinbaren Flächen des mächtigen Steins. Augenblicklich zog mir ein etwas durch Herz, Mark und Bein. Ein angespanntes Gefühl strömte nun durch meine Adern und ich wusste nicht, ob ich in meiner Unruhe nun Freude oder Furchtsamkeit empfinden sollte. Doch die Neugier und unglaublich große Wissbegierde überkam mich schließlich, sodass ich nicht lange zögerte, den Inhalt des eigenartigen Lochs zu erfahren.

Achtsam griff ich in den dunkel wirkenden Spalt hinein. Plötzlich fühlte ich einen runden Gegenstand, etwa so groß wie meine Handfläche, der glatt, aber zugleich auch unglaublich rau war und zog ihn aus der Öffnung heraus.

Überrascht und ratlos starrte ich den entdeckten Gegenstand an. Es war eine alte, goldene Taschenuhr, wahrscheinlich eine Savonette, die die fein verzierte Gravur „M.H.“ trug. Ihr besonders aufwendig verziertes Aussehen ließ mein Herz förmlich höherschlagen.

Sie besaß eine Art Knopf an der Oberseite, womit man den verholzten Deckel des Zeitmessers öffnen konnte. Doch so oft ich es auch zu versuchen vermochte, die Uhr blieb so fest geschlossen, als wären Deckel und Ziffernblatt reglos miteinander verschmolzen. Daher drehte ich die Savonette konzentriert untersuchend um und betrachtete ihre schwere, deutlich massivere Rückseite. Erstaunt, als wäre ich aus allen Wolken gefallen, erblickte ich die braune Fläche und die sich darauf befindende Verschlüsselung. Darüber rätselnd, was eine solche Kombination aus vier Zahlen sein konnte, ließ ich meine Gedanken hoffnungsvoll ausschweifen und sah mich rätselnd um. Plötzlich sprangen mir die Namen der Kriegsopfer wieder ins Auge. Nach meinem Ururgroßvater suchend durchforstete ich mit meinen mittlerweile schwächer werdenden Augen hastig die Namen, bis ich den seinigen gefunden hatte. Mein Herz sagte mir, dass sich hier des Rätsels Lösung befinden musste. Nachdenklich betrachtete ich die Zeile nach Hinweisen suchend, aber weder der Tod noch die Geburt halfen mir weiter. Die Sache für aussichtslos haltend wendete ich den Blick von der Platte ab, als plötzlich die Worte einer mir unbekannten Stimme in meinem Geist erklangen: „Nicht immer können Dinge allein des Rätsels Lösung sein. Doch vereinst du sie in einem wird dies der Schlüssel zu deinem.“ „Max?“, fragte ich schreiend in den Abend hinein und drehte mich bestürzt nach allen Seiten um, doch es war niemand weder zu hören noch zu sehen. Dennoch dankend wandte ich mich wieder der Verschlüsselung zu, bis mir schließlich etwas in den Sinn kam, nachdem ich die Tage und Monate betrachtet hatte, deren Quersumme gemeinsam jeweils 15 ergab. Aufmerksam schaute ich die Jahreszahlen an, deren Ziffern je 18 zählten. Ruhelos nahm ich die alte Uhr hervor, die ich bis eben sicher in meiner Jackentasche aufbewahrt hatte, und drehte nervös 1518 ein. In diesem Moment sprach der Deckel der Savonette wie von selbst auf. Mein Blick fiel auf ihre helle Mitte, auf der Stunden- und Minutenzeiger wie auf die Sekunde genau ihre Runden über das Ziffernblatt fuhren. Begeistert drehte ich die Uhr leicht und spürte ein sonderbares Gefühl in mir aufkommen, als meine Augen die Innenseite des Deckels erfassten. „Erinnerungen sterben nicht“, stand es eingraviert auf wunderschöne Art und Weise geschrieben und es fühlte sich so an, als schenkte mir die Taschenuhr ihre ganze Zeit, die sie schon über all die Jahre gemessen hatte, innerhalb weniger Sekunden. Einen Augenblick lang begann ich darüber zu grübeln, jedoch hatte ich mich nun daran gewöhnt, nicht alle Geheimnisse lüften zu können.

Nach einem kurzen Moment der Besinnung beschloss ich, während ich zum immer düsterer werdenden Himmel aufsah, mich nun zurück nach Hause zu begeben. Danach schaute ich ein letztes Mal auf die eindrucksvolle Uhr, die auf sonderbare Weise etwas Magisches an sich trug, durch das ich mich sicher und geborgen fühlte, klappte den vergoldeten Deckel vorsichtig zu und legte sie in sichere Verwahrung, nachdem meine Finger noch einmal über die Struktur der hölzernen Rückseite berührt hatten.

Auf dem Weg zum Ausgang spürte ich, dass die Begegnung mit Max etwas in mir ausgelöst und ein neues Kapitel in mir geöffnet hatte. „Max“, sprach ich ihn in den Abend hinein an, „als Reisender erblickst du die Zeit, bis es ist soweit. Doch bist du dir sicher, dann zeigt dir stets die Uhr, wie du gehst auf deiner richtigen Spur.“

Durch mein Erlebnis geprägt und in der Hoffnung, dass ich Max je wiedersehen würde, lief ich in Gedanken versunken den schmalen Weg neben Wiesen und Feldern bergab. Ich vernahm das laute Rauschen Blätter kaum, sondern hörte tief in Gedanken Max´ Worte, die der Wind nun übers Land trug: Erinnerungen sterben nicht.

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Was ist Zeit?

Für die meisten Leute ist Zeit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder einfach nur die sie umgebende Uhrzeit. Sie ist so allgegenwärtig für uns Menschen, dass wir gar nicht bemerken, wie wichtig sie für uns ist. Denn sie bestimmt unsere Geburt, den Ablauf jedes Tages und schließlich auch, wann wir sterben.

Doch woher kommt die Zeit?

Zeit ist für uns Menschen praktisch schon immer da. Sie umgibt uns wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Wo sie herkommt, das weiß man jedoch nicht, obwohl oft gesagt wird, sie käme aus dem Nichts. Aber was ist das Nichts?

Auch wenn der Duden es als „leer gedachten Raum“ oder „absolutes Nichtsein, das als der Gegensatz zum Sein und Seienden zu betrachten ist“ definiert, können wir uns darunter nichts Echtes vorstellen. Deswegen können sich viele die Zeit nicht erklären und behaupten daher, jemand habe sie erfunden. Zwar kann man dies nicht unbedingt leugnen, da niemand bisher vom Gegenteil überzeugt hat. Jedoch ist die Zeit einfach zu real, um sie erfunden zu haben.

Daher kann und will ich mir nie vorstellen, ohne sie zu leben. Sie ist überall und alles für mich – Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit.

Aus diesem Grund werde ich versuchen, nie allein die Zeit zu sehen, die mir fehlt, sondern in der, die noch vor mir liegt, alles zu schaffen.

Von Viktoria Hennlein, 14 Jahre

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Ruhla – Momentaufnahmen meiner Heimat

Als Dreizehnhundertfünfundfünzig
Ein neuer deutscher Kaiser thront,
Im Frankenreich der schwarze Prinz nicht
Das Land und nicht die Menschen schont,
Trat eine Siedlung frisch ans Licht
Mit Namen Rolla, klar und schlicht,
Dem Bache gleich, der springt und fließt
Und in den Erbstrom sich ergießt.

Die Köhler waren’s und die Schmiede,
Die diesen Ort gegründet hatten,
Um Holz und Erze, ganz solide,
Zu bergen in des Waldes Schatten.
Und auch des Krieges Wehr, die Waffen,
Wurden ganz meisterhaft geschaffen.
Dann kamen Hirten, kamen Bauern,
Und Wohlstand wuchs in Ruhlas Mauern.

Das Messerschmieden kam zur Blüte
Wie nicht ein zweites Mal im Land,
Den Rühler Schmied mit starker Güte
Graf Ludwig sah mit schwacher Hand
Und wurde hart, so hart wie Eisen,
Dem eigenen Adel zu verheißen
Nie mehr zu sein des Volkes Plage.
Welch‘ guter Stoff für eine Sage!

Doch Einigkeit ist nie von Dauer,
Wenn Trennung dunkel niedersinkt,
Geteilte Länder tragen Trauer,
Da Zwietracht niemals Segen bringt.
Auch Ruhla trug der Spaltung Fron
Und stand zwei Herzögen in Lohn.
Zwei evangel‘sche Kirchen zeugen
Noch heut‘ vom unfreiwill‘gen Beugen.

Das Messerhandwerk ging dahin
Im kleinstaatlichen Walten,
Doch lag darin auch der Beginn,
Um Neues zu entfalten.
Als Kurbad kam die Stadt zu Ruhm,
Bekannt im ganzen Königtum.
Die Forstwirtschaft gedieh zur Ehre
Dank Forstrat Königs Waldmesslehre.

Und auch des Kunsthandwerks Erfahrung
Niemals verging an diesem Ort.
Der Hände und des Geistes Paarung
Sie leben hier auf ewig  fort.
Geschnitzter Tabakspfeifen Pracht
Hat Ruhla neue Ehr‘ gebracht.
Der Meerschaum-Pfeifenköpfe Stil
Empfing der Lobgesänge viel.

Hurra! Hurra! Sie alle rufen:
Hurra! Und nie war Lebenslust
So groß. Auf vielen Straßen, Stufen
Sieht man manch‘ stolzgeschwellte Brust.
Denn Stadtrecht wurde heut‘ verkündet
Auf das die Stadt zur Stadt sich findet.
Kurz darauf auch die Teilung endet:
Die Stadt geeint, das Blatt gewendet.

Und weiter ging des Handwerks Streben
Den gold‘nen Boden zu bereiten,
Die Industrie entstand, um Leben
Und  Reichtum stetig auszuweiten.
Speziell die Produktion von Uhren
Prägte das Bild in Ruhlas Fluren
Für mehr als hundertzwanzig Jahre.
Das Gott noch länger sie bewahre!

Gegründet Achtzehnzweiundsechzig,
Metallwaren der Brüder Thiel
Verkauften sich ringsum so prächtig,
Dass bald ihr Blick auf Uhren fiel.
Erst kamen Spiel-, dann Taschenuhren
Aus Ruhlas Manufakturen.
Die Stadt, sie wurde weit bekannt
Im Ausland und im Heimatland.

Als erster deutscher Produzent
Baute man Armbanduhren dann,
Erfolgreich bis zu dem Moment,
Als aus dem Nichts ein Krieg begann.
„Was machen wir?“ fragten die Gründer
Und fertigten von da an Zünder.
Ging auch der zweite Krieg verloren:
Die Uhren wurden neu geboren.

War jetzt der Staat ein völlig Neuer
So wie das Produktionssystem,
Es glühte doch das alte Feuer
Im Uhrenbau wie ehedem.
Ganz neu entstand die Uhrfabrik
Durch sie erwuchs auch Ruhlas Glück.
Und lange sonnt‘  im hellsten Glanz sich
Die Uhr Kaliber vierundzwanzig.

Doch Staaten können selbst zerbrechen,
Auch wenn sie lange Zeit nichts merken;
Denn manchmal nur sind‘s eig‘ne Schwächen,
Doch häufig and‘rer Staaten Stärken.
Und brachte Freiheit auch die Wende:
Ging doch manch‘ Gutes hier zu Ende.
Das Uhrenwerk ward  liquidiert
In kleine Firmen überführt.

Die Stadt stand wieder vor dem Nichts,
Gezwungen, neu sich zu entdecken.
Sie tat’s entschlossen, angesichts
Zahlreicher wirtschaftlicher Schrecken.
Touristisch fing der Ort jetzt an
Mit mini-a-thür und Rodelbahn.
Als neuster Abschnitt Rühl’scher Dichtung
Entstand die Ferienhaus-Lichtung.

Und blick‘ ich heut‘ aus meinem Zimmer
Auf diese Stadt, voll Zärtlichkeit;
Schau‘, wie sie träumt im Abendschimmer
Von manch‘ großer Vergangenheit.
Seh‘ der Bewohner Ehrlichkeit,
Die mir ans Herz wuchs mit der Zeit.
Dann weiß ich: Mit nur etwas Mut
Wird sicher alles, alles gut.

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Sehnsucht nach Dir

Deiner Ferne Ungemach
Füllt mein Herz mit Weh und Ach,
Doch in heißer Tränen Bach
Nicht ertrank es, noch zerbrach
Es durch des Vergessens Schmach.
Sehnsucht hielt des Nachts mich wach,
Wenn Erinnerung, niemals schwach,
Stets Dein Bildnis trug mir nach:

Deiner Augen Himmelstrahl
Tröstet meiner Seele Qual,

Deiner Lippen Purpurglanz
schimmert wie ein Rosenkranz,

Deiner Wangen zartes Rot
lindert meines Herzens Not,

Deiner Hände Zärtlichkeit
Prophezeit mir Seligkeit,

Deines Atems süße Glut
Gibt mir neuen Lebensmut,

Deines Lächelns Zaubermacht
hat die Hoffnung neu entfacht,

Deiner Stimme lieblich Klang
tönt wie Seraphim Gesang,

Deiner Brust Geborgenheit
Weih‘ ich meine Einsamkeit,

Deiner Wärme Leidenschaft
Sei der Sehnsucht stärkste Kraft!

Doch kann der Erinn’rung Schein
Mich von jener Qual befrei’n,
Die dem Herzen Höllenpein?
Muss sie nicht von vornherein
Sinnbild nur der Liebe sein,
Abglanz eines Stelldichein?
Ist nicht Nähe ganz allein
Uns’rer Liebe Urgestein?
Grünt der wahren Liebe Hain
Nicht gemeinsam nur, zu zwei’n?

Ja Du, Du allein bist mir
enes Lebenselixier,
Das der Liebe sanft Begier
In mir weckt; gewaltsam schier
Treibt mich höh’re Macht zu Dir!
Fühlst genauso Du jetzt hier,
wird aus mir und Dir ein WIR!?

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