Geschichte

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Die bunte Unterwasserwelt Aquarella

Es war einmal eine wunderschöne, kleine Unterwasserwelt namens Aquarella. In dieser Unterwasserwelt waren alle glücklich, jeder hatte Spaß, keiner war alleine und alles war kunterbunt. Im Wasser glitzerten alle Tiere und Pflanzen in den prächtigsten Farben. Doch nur in Aquarella war die Welt bunt, außerhalb war nichts bunt – keine Wälder, Felder, Städte, Dörfer. Ja, sogar die Menschen waren schwarz-weiß.

Eines Tages kam ein Fischer mit seinem schwarz-weißen Boot. Er wollte gerade angeln, als er Aquarella sah. Er fragte sich: „Was sind das denn für Farben? Ich kenne nur die Kontraste schwarz-weiß.“ Sein Fischerboot hieß Tornado. Und den Namen verdiente es, denn in Null Komma nichts war der Mann bei Aquarella. Die Tiere spielten derweil unter Wasser. Der Mann dachte sich: „Wieso haben die Farben und wir nicht? Diese egoistischen Lebewesen wollen wohl nicht teilen?! Dann fische ich die Farben eben heraus.“ Er holte sein Netz und warf es ins Wasser. Dann holte er es wieder heraus. Er freute sich und machte sich und seine Kleidung bunt. Der Fischer hatte auch einen Fisch, den er in einem großen Gurkenglas hielt. Auch ihm wollte er eine Farbe geben. Aber nein, er gab ihm von jeder Farbe einen Klecks. Nun sah der Fisch wunderschön aus. Der Mann sagt zu seinem Fisch: „Rosenrot, ich möchte, dass alles Farbe bekommt.“ Er gab dem Himmel die Farbe Blau. Dieser spiegelt sich im Wasser. Nun hatte auch das Wasser eine Farbe, auch wenn sie heller und blasser war. „Jetzt will ich den anderen auf der Welt auch Farbe geben, “ sagte der Fischer und fuhr mit seinem Boot los. Dabei fiel das Gurkenglas um und der Fisch plumpste ins Meer. Die Tiere und Pflanzen hatten inzwischen einen großen Schreck bekommen, denn ihre Farben waren weg. Rosenrot wollte hinter dem Schiff herschwimmen, konnte es aber nicht einholen und schwamm zu einem nahegelegenen Korallenriff. Es war Aquarella. Sie sah, dass die Fische schwarz-weiß waren, gar nicht bunt wie sie. „Hat euch mein Fischer nicht bunt gemacht wie den Rest der Küste?“ fragte sie. „Nein, im Gegenteil“, antwortete ein weißer Fisch namens Flipper. Er hat uns die Farben gestohlen. „Ach ihr seid die, die von der Farbe nichts abgeben wollten.“ „Das stimmt doch gar nicht, wir wussten doch gar nicht, dass nur wir Farben haben“, mischte sich ein kleiner Fisch ein. Da antwortete Rosenrot: „Na gut, ich glaube euch. Aber wie kann ich euch helfen? Mein Fischer ist mit den Farben schon weg, aber ich könnte jedem ein bisschen von meiner Farbe abgeben.“ Von dieser Idee waren die Fische in Aquarella begeistert. So gab Rosenrot den Fischen Farbe von sich. Am Ende hatte Rosenrot nur noch rot. Sie war sehr betrübt. Ihr hatten die vielen Farben auf ihren Schuppen gefallen. Da hatte ein Fisch die Idee das Rot mit Weiß und Schwarz zu mischen. Das sah toll aus.

Nachdem sie nun so viele neue Freunde gefunden hatte, wollte Rosenrot für immer in Aquarella bleiben. Alle waren wieder glücklich in ihrer bunten Welt!

ENDE!

Max – Das Rätsel einer Zeit

Stille, ewige Stille füllte den leeren Raum mit Erinnerungen. Bei dem Gedanken daran, fühlte es sich so an, als würde meine Seele gefrieren und in dem Moment wusste ich: Ich hätte mir niemals einbilden sollen, das Rätsel lösen zu können.

Aber angefangen hatte alles, als ich vor ein paar Tagen in der Nacht ein Geräusch hörte, das wie ein leises Ticken einer großen, alten Uhr klang. Doch ich war so sehr im Schlaf versunken, dass ich nicht wusste, ob es echt oder nur eingebildet in dem Geflüster meiner Gedanken zu hören war. Ich versuchte zwar, mich darauf zu konzentrieren, aber das stumpfe Ticken war nicht mehr zu hören. Die scheinbar endlos mitreißende Stille zog sich wieder durch den ganzen Raum, nahm mich ein und wog mich wieder sanft in den Schlaf.

… Ich lief den Weg weiter entlang ins Dorf, über die schmale, mit Kopfsteinpflaster gebaute Brücke und wollte gerade in die nächste Gasse einbiegen, als ich auf einmal eine große, unheimliche Gestalt in schwarzem Mantel sah, die geradewegs durch die Gasse rannte. Plötzlich machte sie halt und drehte sich verängstigt nach mir um, als hätte sie gewusst, dass sie beobachtet wurde. Schnell versteckte ich mich hinter der alten Brücke und fuhr in mir zusammen. Mein Puls raste so schnell wie noch nie und das Herz pochte so heftig als wollte es herausspringen.

Nachdem die Gestalt nicht mehr zu sehen war, atmete ich tief durch und guckte vorsichtig über die Brücke hinweg. Dabei entdeckte ich etwas Interessantes, was die Person dem Anschein nach verloren hatte. Es war ein zerknitterter mit der Aufschrift „Max“ versehener Zettel, auf dessen Rückseite dem Jahr 2018 handgeschrieben in altdeutscher Schrift stand…

Ich öffnete langsam blinzelnd die Augen. Erschrocken und zugleich auch erleichtert stellte ich fest, dass es nur ein Traum war. Das dachte ich zumindest. Denn auf einmal bemerkte ich etwas ziemlich Hartes, was furchtbar nach Erde roch. Ich nahm es in die Hand und stellte verwirrt und voller Erstaunen fest, dass es der mysteriöse Zettel aus meinem vermeintlichen Traum war. Kurz darauf kroch mir der eigenartige, feuchte und zugleich trockene Geruch in die Nase, während ich begann, das Blatt vorsichtig aufzufalten. Und ich entdeckte tatsächlich den mit dunkler Tinte geschriebenen Namen und das über 100 Jahre alte Datum. Jedoch war dies nicht das Einzige, was ich zu sehen vermochte. Fast unscheinbar, sich am Rande des Blattes verbergend erkannte ich eine kleine, gar unlesbare Schrift, mit der ich auf den ersten Blick nichts anfangen konnte. Doch plötzlich, dank eines sanften Lichtstrahls, der von der Sonne durch das schmale Fenster des Zimmers zart auf mich herabzusinken schien, spiegelte sich der unbekannte Schriftzug erst spärlich und dann immer deutlicher zu erkennen auf dem von Glas bedecktem Ziffernblatt meiner dunkelblauen Uhr. Ohne nun den Lichtschein zu verlieren, blickte ich immer näherkommend auf das Glas meiner Uhr und betrachtete die kurz hinterlassene Nachricht: Es ist deines Schicksals Weg.    

In diesem Moment wurde mir klar: Ich muss tatsächlich zur Brücke!

Draußen war es für einen Spätsommertag kalt und windig. Dichter Nebel legte sich über die Straßen und den Ort. Die Sonne kam kaum aus den Wolken heraus und war nur schwer zu erkennen. Doch das stürmische Wetter hielt mich nicht auf. Nichts konnte mich nun noch von meinem Weg abbringen. Eine Antwort suchend blickte ich auf zum wolkenbedeckten Himmel. Jedoch empfing ich weder die erhoffte Antwort noch einen Einfall, der mir die Augen öffnen und helfen konnte.

Plötzlich sah ich einen aus dem Nichts erschienenen alten Mann, den ich noch nie zuvor im Ort gesehen hatte.

Es schien, als wäre er schon fast 100 Jahre alt. Jedoch nicht wegen der Haut oder seines Ganges, obwohl er einen großen Regenschirm als Gehstock nutzte, der ihn bei seiner Art zu laufen, zu unterstützen schien, sondern wegen seiner Kleidung und seines Stils. Er trug eine Art Sakkoanzug, wie ich ihn oft schon in Schwarzweißfilmen gesehen hatte, eine weite, geradegeschnittene braune Hose und schwarze, glänzende Schuhe. Zudem bedeckte ein dunkler Homburg Hut die schwarzen Haare des Mannes und warf einen Schatten auf seine hellen Augen. Je näher er kam, desto mehr erkannte ich sein Gesicht, obwohl ich ihn nie wahrhaftig gesehen hatte. Seine Augen schienen immer heller zu werden, obwohl sie ihre Farbe nicht änderten und der Mann blickte nun vorsichtig, aber unheimlich ausdrucksstark vom Boden auf, als trüge er eine einzigartige Gabe in sich.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und mein Körper zuckte kurz zusammen, nachdem der Unbekannte sich durch den dichten Nebel zu erkennen gab. Der Alte sah mich genau untersuchend an. Auch ich konnte einer genaueren Betrachtung nicht widerstehen und riskierte es, ihm eines Blickes zu würdigen.

Seine grünen, aber gleichzeitig auch hellblauen Augen waren voller Hoffnung auf Glück und trugen förmlich die unendliche Wissbegierde in sich, wie ich sie noch nie zuvor in meinen Leben gesehen hatte.

Seine markante Narbe am schmalen, spitzen Kinn war dieselbe wie ich sie schon gefühlt mein ganzes Leben lang hatte. Nur seine Haare waren anders, so schwarz wie der Tod und das Unglück.

Endlich begann sich mir in Gedanken eine Tür zu öffnen, deren Eintritt ich keinesfalls verwehren wollte, denn hinter ihr schien es, als gäbe es auf jede Frage eine Antwort, in der sich jedes Puzzleteil zu einem Bild zusammenfügte, und jeder Weg zu einem Ziel führte, das ich nun vor Augen hatte.

Doch, was ich vor allem an dem rätselhaften Mann besonders fand, war, dass er mir alles nahezu Unerklärliche erzählte, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Ich konnte seinem tiefen Blick, der wie ein offenes Fenster seiner Gedanken war, lange nicht entweichen. Doch während er an mir vorbeilief und meine Jacke mit dem großen Holzgriff des Regenschirms streifte, drehte ich mich zitternd um und rief mit weinerlicher Stimme innerlich zusammenbrechend: „Max!“

Der Alte blieb versteinert wie im Boden verankert stehen und stützte sich mit seinem scheinbar verletzten Arm auf den großen, grauen Regenschirm. Offensichtlich hatte er mich wirklich gehört. Jedoch machte er keine Anstalten, sich mir auch verbal zu öffnen, sondern deutete stattdessen mit dem anderen Arm hoch zum Waldesrand, wo die alten, fast vergessenen Erlengräber lagen. Seinem Blick folgend sah ich den Berg hinauf und noch bevor ich ihm eines dankbaren Blickes würdigen konnte, war er genau so rätselhaft ins Nichts verschwunden, wie er auch erschienen war.

Ich blickte noch eine Weile auf die unscheinbar wirkende Stelle, an der sich bis eben noch einer der bedeutendsten Personen meiner Familie befand, rannte dann jedoch nach diesem Moment des Innehaltens mit voller Entschlossenheit, Max´ Nachricht zu entschlüsseln und damit vielleicht sogar ein geheimnisvolles Rätsel der Vergangenheit zu lösen, in die Richtung des alten Friedhofs.

Darüber nachdenkend, was er mir zu sagen versucht hatte, näherte ich mich nach Luft schnappend langsam dem längst vergessenen Friedhof der Kriegsgefallenen aus dem Ersten Weltkrieg, der später in Vergessenheit geriet und durch die umliegenden Erlen zuwuchs.

Der Wind pfiff in schrillen Tönen immer stärker werdend über die Wiesen und Felder, die ich bereits hinter mir gelassen hatte, und krümmte die uralten heruntergekommenen Bäume so, dass sie nur noch verelendet mit ihren fast ganz aus dem Boden herausgedrückten Wurzeln neben dem fruchtbaren Boden der grünen Wiese standen und mitleidig anzusehen waren.

Oben angekommen öffnete mir ein kalter Windstoß quietschend die Tür des halb zerfallenen Friedhofzauns.

Vorsichtig schritt ich durch den rostigen Eingang des Ortes hindurch. Furcht erfasste mich und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als ich die Anlage geradeausschauend betrat. Verborgen, versteckt in der hintersten Ecke der alten Begräbnisstätte, entdeckte ich ein riesiges Grabmal aus Naturstein, das mit einer Oberfläche ähnlich einer Patina überzogen war, und vor dem sich eine beängstigende Statue, die einer unheimlichen Mohnblume glich, befand. Doch meine Neugier packte mich und ich lief geradewegs zur grünlich wirkenden Mauer. Bedächtig ging ich den schmalen und steinigen Weg zur anderen Seite, die von einer Art Rondell etwas eingegrenzt und von den anderen Gräbern abgelegen war. Je mehr ich mich der abschreckenden Mauer näherte, umso mehr erkannte ich die in Stein gemeißelte Widmung auf dem breiten Mittelstück, auf dem am oberen Rande ein vergoldeter Lorbeerkranz zu sehen war.

Nun stand ich vor dem festen Stein und traute mich kaum, genau hinzusehen, denn plötzlich spürte ich eine heftige Böe, die mir fast den Boden unter meinen Füßen wegriss, und bemerkte, wie sich die Wolken am Himmel zuzogen und es um mich herum immer düsterer wurde. „Nein, ich drehe jetzt nicht um, jetzt, wo ich so nah daran bin, die Wahrheit herauszufinden.“, versuchte ich selbstbewusst in die Welt hinauszurufen und mich nicht von meiner Angst einnehmen zu lassen.

Ich trat mutig vor das Grabmal. Mein Blick fiel zuerst auf die mittig stehende Inschrift, die ich begann, laut vorzulesen:

Den tapferen Söhnen, die mit Heldentod für Volk und Vaterland im Kriege starben:
Wo ihr auch ruhet nach des Herren Rat,
auf künftiger Erde mit blutiger Saat,
nimmer vergangen im deutschen Land,
so setzt euch zur Ruh‘ in des Herren Hand.

Meine Augen füllten sich mit Tränen und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ein schauerliches Gefühl umgab mich, Furcht ergriff meinen Geist. Mit einem Mal fühlte ich mich in den endlosen Weiten des nebligen Mischwaldes verloren. Mein Verstand betete mich an, diesen Ort zu verlassen und meine Beine verspürten den leichten Drang, mich an einen sicheren zu bringen. Aber irgendetwas in mir hielt mich dort und bewegte mich zu bleiben, wenigstens einen Moment.  

Näher herantretend berührte ich den mühsam gefertigten Lorbeerkranz des gewaltigen Mauersteins und fühlte, wie sich meine Finger in die tiefen Mulden und Einkerbungen legten, als ich ein auffällig weich klingendes Geräusch hörte. Vorsichtig trat ich einen Schritt zurück und vernahm das dumpfe Geräusch stärker. Ich wusste nicht, wo es herkam oder was es war. Doch noch bevor ich dies herausfinden konnte, war es auch schon verschwunden. Nun umgab mich nur noch die unheimliche Stille des auf einmal fast leeren Friedhofs. Allein ein leises Rauschen der Blätter war zu hören. Fragend drehte ich mich voller Furcht um, aber auch daraus gewann ich keine Erkenntnis.

Hoffnungslos und verwirrt schaute ich mich auf dem verwucherten Friedhof um. Mein Blick fiel auf die zwei Platten mit den Namen der Gefallenen, welche unscheinbar neben der großen aufgestellt worden waren. Interessiert betrachtete ich das Geschriebene und erfasste es mit Augen und Verstand.

„Walter Anders: 10.08. 1888 bis 15.09. 1915, Albert Fischer: 23.03. 1898 bis 02.10.1918 (vermisst), Karl und Erwin Schilling: 06.11.1894 bis 05.11. 1916“, ging ich langsam mit pochendem Herzen durch die Reihen.

Der Wind schien stärker zu werden, die mich umhüllende Stille wurde zur einer mächtigen Nebelgestalt, die mich immer mehr mit ihrem Sog erdrückte und die Luft drohte knapper zu werden. Doch ich blieb standhaft die nächsten Daten erblickend stehen und las weiter: „05.10.1881 bis 08.07.1917 Max He-“ Mein Atem stockte. Geschockt sah ich vom Stein auf und hielt die Luft an. Es fühlte sich so an, als umgäbe mich eine erstarrte Welt aus eisiger Kälte, die drohte, auch mich einzunehmen. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Stand ich wirklich vor dem Grab meines Vorfahren, über den nie jemand ein Wort verloren hatte, obwohl man seine Existenz nicht leugnen konnte?  Nach einem kräftigen Atemzug besann ich mich wieder und betrachtete aufgewühlt das mühselig in Stein Gemeißelte. Ich begann meine Hände über das Ausgearbeitete zu streifen. Plötzlich blieb ich in der tiefen Mulde des X hängen, die möglicherweise wie der Hühnergott am Meer durch Verwitterung oder kräftige Winde entstanden war. Doch das erschien mir als irreführende Unwahrheit. Verblüfft berührte ich den Schriftzug noch einmal, fühlte die nach innen immer größer werdende Vertiefung und drückte vorsichtig dagegen. In diesem Augenblick blätterte ein Teil der Steinplatte der äußeren Seite ab und fiel zu Boden. Erschrocken zog ich meine zarten Finger aus der tiefen Kuhle und ließ meinen Blick zur rauen Außenseite der Tafel schweifen. Voller Erstaunen entdeckte ich dort eine kleine Öffnung an der unscheinbaren Flächen des mächtigen Steins. Augenblicklich zog mir ein etwas durch Herz, Mark und Bein. Ein angespanntes Gefühl strömte nun durch meine Adern und ich wusste nicht, ob ich in meiner Unruhe nun Freude oder Furchtsamkeit empfinden sollte. Doch die Neugier und unglaublich große Wissbegierde überkam mich schließlich, sodass ich nicht lange zögerte, den Inhalt des eigenartigen Lochs zu erfahren.

Achtsam griff ich in den dunkel wirkenden Spalt hinein. Plötzlich fühlte ich einen runden Gegenstand, etwa so groß wie meine Handfläche, der glatt, aber zugleich auch unglaublich rau war und zog ihn aus der Öffnung heraus.

Überrascht und ratlos starrte ich den entdeckten Gegenstand an. Es war eine alte, goldene Taschenuhr, wahrscheinlich eine Savonette, die die fein verzierte Gravur „M.H.“ trug. Ihr besonders aufwendig verziertes Aussehen ließ mein Herz förmlich höherschlagen.

Sie besaß eine Art Knopf an der Oberseite, womit man den verholzten Deckel des Zeitmessers öffnen konnte. Doch so oft ich es auch zu versuchen vermochte, die Uhr blieb so fest geschlossen, als wären Deckel und Ziffernblatt reglos miteinander verschmolzen. Daher drehte ich die Savonette konzentriert untersuchend um und betrachtete ihre schwere, deutlich massivere Rückseite. Erstaunt, als wäre ich aus allen Wolken gefallen, erblickte ich die braune Fläche und die sich darauf befindende Verschlüsselung. Darüber rätselnd, was eine solche Kombination aus vier Zahlen sein konnte, ließ ich meine Gedanken hoffnungsvoll ausschweifen und sah mich rätselnd um. Plötzlich sprangen mir die Namen der Kriegsopfer wieder ins Auge. Nach meinem Ururgroßvater suchend durchforstete ich mit meinen mittlerweile schwächer werdenden Augen hastig die Namen, bis ich den seinigen gefunden hatte. Mein Herz sagte mir, dass sich hier des Rätsels Lösung befinden musste. Nachdenklich betrachtete ich die Zeile nach Hinweisen suchend, aber weder der Tod noch die Geburt halfen mir weiter. Die Sache für aussichtslos haltend wendete ich den Blick von der Platte ab, als plötzlich die Worte einer mir unbekannten Stimme in meinem Geist erklangen: „Nicht immer können Dinge allein des Rätsels Lösung sein. Doch vereinst du sie in einem wird dies der Schlüssel zu deinem.“ „Max?“, fragte ich schreiend in den Abend hinein und drehte mich bestürzt nach allen Seiten um, doch es war niemand weder zu hören noch zu sehen. Dennoch dankend wandte ich mich wieder der Verschlüsselung zu, bis mir schließlich etwas in den Sinn kam, nachdem ich die Tage und Monate betrachtet hatte, deren Quersumme gemeinsam jeweils 15 ergab. Aufmerksam schaute ich die Jahreszahlen an, deren Ziffern je 18 zählten. Ruhelos nahm ich die alte Uhr hervor, die ich bis eben sicher in meiner Jackentasche aufbewahrt hatte, und drehte nervös 1518 ein. In diesem Moment sprach der Deckel der Savonette wie von selbst auf. Mein Blick fiel auf ihre helle Mitte, auf der Stunden- und Minutenzeiger wie auf die Sekunde genau ihre Runden über das Ziffernblatt fuhren. Begeistert drehte ich die Uhr leicht und spürte ein sonderbares Gefühl in mir aufkommen, als meine Augen die Innenseite des Deckels erfassten. „Erinnerungen sterben nicht“, stand es eingraviert auf wunderschöne Art und Weise geschrieben und es fühlte sich so an, als schenkte mir die Taschenuhr ihre ganze Zeit, die sie schon über all die Jahre gemessen hatte, innerhalb weniger Sekunden. Einen Augenblick lang begann ich darüber zu grübeln, jedoch hatte ich mich nun daran gewöhnt, nicht alle Geheimnisse lüften zu können.

Nach einem kurzen Moment der Besinnung beschloss ich, während ich zum immer düsterer werdenden Himmel aufsah, mich nun zurück nach Hause zu begeben. Danach schaute ich ein letztes Mal auf die eindrucksvolle Uhr, die auf sonderbare Weise etwas Magisches an sich trug, durch das ich mich sicher und geborgen fühlte, klappte den vergoldeten Deckel vorsichtig zu und legte sie in sichere Verwahrung, nachdem meine Finger noch einmal über die Struktur der hölzernen Rückseite berührt hatten.

Auf dem Weg zum Ausgang spürte ich, dass die Begegnung mit Max etwas in mir ausgelöst und ein neues Kapitel in mir geöffnet hatte. „Max“, sprach ich ihn in den Abend hinein an, „als Reisender erblickst du die Zeit, bis es ist soweit. Doch bist du dir sicher, dann zeigt dir stets die Uhr, wie du gehst auf deiner richtigen Spur.“

Durch mein Erlebnis geprägt und in der Hoffnung, dass ich Max je wiedersehen würde, lief ich in Gedanken versunken den schmalen Weg neben Wiesen und Feldern bergab. Ich vernahm das laute Rauschen Blätter kaum, sondern hörte tief in Gedanken Max´ Worte, die der Wind nun übers Land trug: Erinnerungen sterben nicht.

Black Stars Geschichte

Kapitel 1 – Mein erstes Zuhause

Ich kann mich noch gut an mein erstes Zuhause erinnern. Es war leider nicht die schönste Kindheit, denn meine Mutter starb bei meiner Geburt, und 2 Monate später musste mein Vater eingeschläfert werden, weil er sich bei einem Turnier das Bein gebrochen hatte.

Er sagte noch, er würde immer bei mir bleiben, er hat mich angelogen!

Ich wurde von der besten Freundin meiner Mutter großgezogen, deren Fohlen eine Woche nach der Geburt gestorben war. Sie kümmerte sich immer liebevoll um mich, doch ich konnte nie die Lüge meines Vaters und den Tod meiner Mutter vergessen.

Es gab auch andere Fohlen auf unserem Hof. Zwei Andalusier-Fohlen, ein Tinker-Fohlen, zwei Isländer-Fohlen und ein englisches Vollblut-Fohlen. Aber durch diese Fohlen wurde es nur noch schlimmer! Sie ärgerten mich nur und dieses Tinker-Fohlen hatte mich einmal so schlimm getreten, dass ich die Narbe immer noch habe. Zusammengefasst war mein erstes Zuhause nicht das Beste.

Kapitel 2 – Meine Ausbildung

Ich wurde sehr früh eingeritten, meiner Meinung nach viel zu früh!

Mit drei Jahren wurde ich sehr unzärtlich an die Trense gewöhnt. Sie jagten mich über die ganze Koppel, bis ich völlig erschöpft war. Dann kamen drei große Männer, zwei hielten mich fest und einer presste mir mit all seiner Kraft dieses Eisenstück in mein empfindliches Maul. Das Schlimmste waren nicht die Schmerzen in meinem Maul, sondern dieser furchtbare Eisengeschmack!

Und gleich, als ich mich gerade damit abgefunden hatte, diese Trense tragen zu müssen, warfen sie mir auch schon ein furchtbar schweres Teil auf den Rücken, das sich dann als Sattel herausstellte. Es war wirklich der Horror!

Kapitel 3 – Mein Umzug

Meine Pflegemutter sagte aber, je früher ich eingeritten werde, desto besser ist die Chance, später einen guten Besitzer zu bekommen.

Die Vermutung wurde bald wahr. Als ich vier Jahre alt war, kam ein Mann auf unseren Hof, der wie meine Pflegemutter sagte, sich immer die schönsten und besten Pferde aus jedem Jahr aussuchen würde.

Und als er eines Tages an unserem Stall vorbeikam und mich sah, als sie mir wieder mit Gewalt dieses Eisenstück in mein empfindliches Maul zwängten, da kam der Mann in den Stall hinein und schrie: „Hey, lasst sofort dieses arme Pferd los!“  Daraufhin riefen die Männer: „Kauf das Vieh, dann kannst du damit machen was du willst!“.

Daraufhin rief der Mann: „Gut, dann nehme ich das Pferd, ich kann nicht mit ansehen wie Sie das arme Tier quälen!“ Und das war das Letzte, an das ich mich erinnern kann.

Es ging alles so schnell, dass das Nächste an das ich mich erinnern kann, schon der neue Stall war, in dem ich mich befand.

Neben mir stand ein kleines Pony, das mich mit seinen großen Augen neugierig anschaute und dann sagte: „ Hallo, ich bin Loni, ein Island-Pony. Ich hab dich hier noch nie gesehen.

„Ich bin Black Star“, sagte ich. „Wo bin ich?“. „Du bist in Hof Goldtal“, antwortete das Pony.

Kapitel 4 – Meine erste richtige Freundin

Ich gewöhnte mich von Tag zu Tag immer mehr an mein neues Zuhause. Von meinem alten Zuhause vermisste ich nichts, außer meiner Pflegemutter. Ich war manchmal, wenn ich daran zurückdachte, sehr traurig. Doch wenn ich dieses kleine Pony ansah, spürte ich dass ich nicht allein war. Denn ich hatte von ihr gehört, dass Loni dieselbe Vergangenheit hatte wie ich. Nur, dass ihre Eltern sie verstoßen hatten.

Kapitel 5 – Unser neues Leben

Loni und ich wurden von Tag zu immer engere Freunde und bald waren wir unzertrennlich. Bald kaufte mich ein Mädchen das glücklicherweise auch die Besitzerin von Loni war. Sie ritt fast jeden Tag mit mir oder Loni aus. An manchen Tagen wurde ich auch in der Halle geritten, bei Dressur oder Springen. Ich will ja nicht angeben, aber ich war ziemlich gut! Aber ich musste zugeben, dass Loni für ihre Größe wirklich begabt war. Sie hatte ein braunes und ein blaues Auge, was mir erst später auffiel. Auf unserem Hof gab es einige Island-Ponys, die ihr ähnlich sahen. Aber an ihren tollen Augen konnte ich sie immer erkennen. Wenn ich mal auf Turnieren war, dann erzählte ich ihr immer, wie es dort war. Und sie erzählte mir, was auf dem Hof währenddessen so los war. Und anders herum.

Mit anderen Worten, wir konnten uns wirklich nicht beschweren. Unsere Besitzerin war einfach toll. Aber Loni erzählte mir von einem Weg, den unsere Besitzerin mit ihrem früheren Pferd namens „Shadow“ oft geritten war. Aber seit er tot ist, reitet sie mit uns diesen Weg nie, weil es in ihr zu viele Erinnerungen weckt.

Es gab trotzdem viele tolle Wege, die sie mit uns geritten ist. Mein Lieblingsweg führte an einem See vorbei, in dem wir im Sommer oft baden gingen.

Kapitel 6 – Vergangenheit und Zukunft – alles wird gut

Loni und ich sind jetzt sieben Jahre alt und haben noch viele Jahre vor uns. Trotzdem hätte ich mir eine schönere Kindheit gewünscht.

Und es ist schrecklich, dass, obwohl wir erst sieben Jahre alt sind, schon solche furchtbaren Dinge durchmachen mussten. Wir wissen jetzt auch, wie das frühere Pferd unserer Besitzerin umgekommen ist. Es standen einmal zwei Mädchen vor unserer Stalltür und redeten, wir hörten zu.

Es war ein Friese mit wunderschöner Mähne, unsere Besitzerin liebte ihn über alles. Aber er arbeitete auch als Polizeipferd. An seinem zwölften Geburtstag wollte unsere Besitzerin mit ihm einen Ausritt machen, aber er musste in die Stadt, zu einem Fest. Dort gab es eine Schießerei, er wurde getroffen und sie konnten ihn nicht mehr retten.

Ich hoffe, dass mir das nicht passieren wird, Loni hat mehr Glück, denn sie ist zu klein dafür.

Auch mit unserer schlimmen Vergangenheit sind wir froh, jetzt hier zu sein und freuen uns auf unser weiteres Leben.

Geschrieben von: Jordis Freya Kittel, Klasse 5b
Inspiriert vom Roman „BlackBeauty“
Albert-Schweitzer-Gymnasium Ruhla
29.11.2018

Der Geist vom Meisenstein – Ein Märchen aus dem Thüringer Wald

Es war einmal vor langer, langer Zeit – da ereignete sich in den Wäldern rund um Ruhla, Thal und Winterstein eine sonderbare Geschichte. Mitten im Wald, am schönen Meisenstein kam es zu einer wundersamen Begegnung. Ihr müsst wissen, dass der Meisenstein einer der schönsten Aussichtspunkte im Thüringer Wald ist! Doch er liegt ein wenig versteckt, etwas abseits der Wanderwege und ist bis heute oft nur bei den Einheimischen bekannt. Von dort aus fällt der Blick weit über die Berge und den Wald. Wer einmal auf dem Meisenstein das Tageslicht anbrechen sah, ist verzaubert vom Anblick der unberührten Natur, den sanften Bäumen und dem Wind der leise durch die Wipfel zischt, als ob ein Lied erklingt, so klar und zauberhaft wie der Morgen im Wald selbst.

Vor vielen, vielen, unzählbaren Jahren machte sich ein junger Mann aus dem kleinen Ort Thal auf, um seine Arbeit im Bergwerk nahe Ruhla zu verrichten. Es war eine harte Arbeit, die wertvollen Eisenerze ans Tageslicht zu bringen. Aber vor allem war auch der Weg dorthin beschwerlich und führte bei Wind und jedem Wetter durch die Wald. Der Junge, der den Namen Kurt trug, war fleißig und half seiner Familie dabei, das Geld für das Nötigste zu verdienen. Die Eltern waren arm, seine Geschwister noch zu klein und das Leben war nicht immer freundlich. Deshalb war die Arbeit im Bergwerk ein wichtiges Zubrot, um alle satt zu bekommen. Wie so oft war Kurt mit seinen Kameraden viel zu früh unterwegs, um zu seinem Tagwerk im Bergwerg zu kommen. Die Vögel zwitscherten fröhlich und der Frühling war fast da. Überall blitzen frische, grüne Gräser hervor und ein Duft von Sonne lag in der Luft. Dick eingepackt in einen warmen Mantel stapfte Kurt mit seinen alten, löchrigen Stiefeln in den Morgen.

Doch was war das? Er war etwas abgeschlagen von seinen Kameraden, hatte noch den Traum der letzten Nacht vor Augen gehabt. Da hörte er wie durch einen Zauber ein leises Lied. Es war ein Singen, so klar und wunderschön, wie er es noch nie gehört hatte. Was mochte das sein? Von wo kam es? Oder war es gar nur der Wind, der den nahenden Frühling herbei heulte?

Kurt realisierte, dass er ohne es zu bemerken schon eine ganze Weile dem Gesang hinterher gelaufen war. Wo waren nur seine Kameraden? Und wo war der Weg, der ihn zum Bergwerk führte? War da eben nicht noch die Gabelung nach Ruhla gewesen? Aber der Gesang kam näher, Kurt kroch durch ein dichtes Gesträuch und es ging steil bergauf. Auf einmal fand er sich auf einem Felsvorsprung wieder, der ihm einen wundervollen Blick über den Wald und die Berge bot. Was für ein Anblick! Ihm stockte der Atem. Im fernen Glanz der aufgehenden Morgensonne taten sich die Berge vor ihm auf und die Schönheit der Natur lag in ihrer ganzen Größe vor ihm. Doch da war er wieder, dieser glockenhelle Gesang, der über die Baumwipfel schwang. Kurt drehte sich um und sah eine wunderhübsche, junge Frau, die auf einem der Felsblöcke saß und auf einer Zitter spielte. Sie sang ein Lied, dass er noch nie zuvor gehört hatte. Irgendwie traurig und dennoch wunderschön. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt und blickte in die Weite. Ein Hauch von Sehnsucht lag in ihrem Blick. Kurt fasste sich ein Herz und trat auf sie zu. Der Boden unter seinen Füße knirschte und die Jungfer drehte sich erschrocken um: „Wer bist du und warum störst du meinen Gesang“, fragte sie.

„Ich bin Kurt, der Bergmann, und dein Lied hat mich hier hoch gelockt. Ich wollte mit meinen Kameraden ins Bergwerk laufen und bin vom Weg abgekommen. Dein Gesang hat mich neugierig gemacht. Wer bist du und warum sitzt du hier so alleine und singst?“ Die Junge Frau blickte wehmütig in die Ferne und sprach leise: „Ich weiß es selbst kaum mehr, wer ich bin“. „Wie kann das sein?“, Kurt runzelte die Stirn und setzte sich mit ein wenig Abstand neben die Jungfer, die so zart und blasshäutig wie ein Geist erschien.

Ein Zauber lag in der Luft, die so kühl und klar war, wie so ein jungfräulicher Frühlingsmorgen nur sein kann. „Mein Name ist Mariella und ich kam vor langer, langer Zeit hier her an diesen Ort“. „Das ist doch nicht möglich, du bist doch kaum 17 Jahre alt, so alt wie ich auch bin“, flüsterte Kurt. „Doch, es ist möglich, vertrau nur deiner Phantasie“, raunte Mariella, „Ich war einst sehr verzweifelt und vertraute einem Jungen, der sich der Magie des Waldes verschrieben hatte, mein einziges Erbstück an, den Ring meiner Großmutter, mit einem edlen Stein der ein zartes Veilchen formte. Mein Vaten war sehr krank und der Magier versprach mir, tief im Wald eine heilende Pflanze so besorgen, die meinen Vater wieder gesund machen würde. Ich sollt bei Sonnenaufgang am heutigen Tag vor 300 Jahren hier am Meisenstein auf ihn warten. Dort wollte er mir die Pflanze geben. Sie sei magisch, hatte er mir versprochen und niemand düfte wissen, wo sie zu finden sei“. Mariella senkte den Kopf und sah traurig aus. Kurt wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er sie trösten? Er wollte nicht aufdringlich sein. Doch sie sprach mit fester Stimme weiter: „Ich hatte einen Freund, der mich verehrte. Wir wurden einander versprochen, als wir noch kleine Kinder ware. Er sollte immer auf mich acht geben und er hatte bemerkt, dass ich ganz früh durch das Dorf schlich um in den Wald zu laufen. Er folgte mir heimlich und sah, wen ich hier am Meisenstein zu treffen gedachte. Voller Eifersucht und ohne auf eine Erklärung zu hoffen, trat er hervor und glaubte an einen Betrug, der durch nichts wieder gut zu machen sei“. Kurt schluckte und wusste schon, was dann geschah. „Er stürzte sich voller Eifersucht auf den, der mir die heilende Pflanze versprach und ein Kampf entbrannte. Ich wollte mich dazwischen werfen und ….“, sie konnte kaum mehr sprechen, „Ich rutschte über den steinigen Felsen tief bergab ins Tal. Was dann geschah, habe ich nur noch gefühlt. Ein tiefer, heller Schrei durchfuhr mich und der Junge, der die heilende Magie beherrschte, rief einen wilden Zauber aus. Doch es war alles verloren“. „Ich verstehe gar nichts mehr“, sagte Kurt berückt, „Warum bist du jetzt hier“? „Der Zauber sollte mir die Schmerzen nehmen, die der scharfkantige Fels verursachte. Doch er hat mich auch an diesen Stein gebunden. Ich bin verwunschen. Und ich darf für immer in den tiefen Abgründen des Meisensteins für Frieden sorgen – indem ich mit meinem klaren Gesang, der fast klingt, wie der zarte Wind, den Wandersleuten eine Warnung gebe – die Natur nicht zu unterschätzen und dem Felsen Respekt zu zollen“. „Warum kann ich dich jetzt sehen?“, fragte Kurt erstaunt. „Einmal in hundert Jahren darf ich hinaus kommen und das Sonnenlicht noch einmal spüren und mich zurücksehnen, in mein Leben hier in meiner Heimat“. Tränen rollten über ihr Gesicht. Kurt nahm sie in dem Arm, um sie zu trösten und glaubte nicht, was er gerade gehört hatte. Das konnte doch nicht sein! Das war ein Scherz, eine Illusion? Oder doch nicht? Sie streichelte ihm über die Wange und flüsterte: „Aber nur einmal hat mich bisher so ein gutes Herz wie du hier gefunden. Bleib so tapfer und ehrlich und nimm den Zauber des Meisensteins mit zurück in deine Welt“. Sie gab ihm einen sanften Kuss auf die Stirn und begann das traurige Lied weiter zu singen. Kurt wischte sich vor Rührung eine Träne aus den Augen und als er die Augenlider wieder öffnete, war das schöne, traurige Mädchen verschwunden. Nur ein Hauch ihres Liedes flog noch über die Baumwipfel zum Großen Inselberg herüber. Ein Zauber lag in der Luft. Und Kurt bemerkte, dass er lächelte.

Er machte sich schnell auf den Weg zurück zu den Anderen, zurück zur Arbeit im Bergwerk. Noch ganz verwirrt miscte er sich zwischen die anderen Arbeiter. Niemand hatte bermerkt, dass er verschwunden war. Jemand drückte ihm sein Werkzeug in die Hand und sie arbeiteten tapfer an ihrem Tagwerk. Bis ihn auf einmal etwas Ungewöhliches anblitze. Tief im Erdreich fand er einen in die Jahre gekommen Ring – so edel und rein, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Ihn zierte ein zartes Veilchen, geformt aus edlen Steinen, genau so wie in der Geschichte, die ihm Mariella erzählte hatte. Oder hatte er das alles nur geträumt? Es war wie ein Wunder. Weil Kurt den Ring gefunden hatte, durfte er ihn auch behalten. Und er zierte bald die Hand seinen schönen Frau, die er nur kurze Zeit darauf beim Kirmestanz traf und bald heiratete. Sie lebten glücklich und zufrieden im Einlang mit der Natur am Waldesrand des schönen Ortes Thal. Und manchmal an klaren Frühlingstagen war es Kurt so, als hörte er diesen zauberhaften Gesang wieder durch den Wald klingen, den er einst am Meisenstein vernommen hatte. Oder war es nur der Wind?  Kurt war ihm begegnet – dem Geist vom Meisenstein, der ihm eines gelehrt hatte – an das Unmögliche zu glauben und keine Angst vor Wundern zu haben. Und wer weiß, vielleicht triffst auch du ihn, wenn du einmal dort oben am Meisenstein vorbei schaust, um den schönen Ausblick auf unsere Heimat zu genießen. Wenn du genau hinhörst, wenn der Wind weht, hörst du ihn sicher auch – diesen zauberhaften Gesang, der über die Baumwipfel weht, wenn du an Wunder glaubst!

(November 2018)

Schmetterlinge im Bauch

„Hast du Mark heute schon gesehen?“ fragte Destina ihre beste Freundin Jennie aufgeregt, was sie nur mit einem Nicken quittierte. „Wirklich? Hast du ihn schon gefragt?“ fragte die Braunhaarige weiter aufgeregt worauf Jennie nur frustriert den Kopf schüttelte, weswegen ihre schwarzen Haare in ihr blasses Gesicht fielen. „Warum nicht? Du bist doch sonst so selbstbewusst“. „Sonst, aber doch nicht wenn es um Mark geht“ antwortete sie mit einem frustrierten Unterton und warf ihre Haare wieder nach hinten.

Mark aus der Klasse über Jennie und Destina, er war einfach perfekt in Jennies braunen Augen und deswegen wollte diese ihn eigentlich auch fragen ob er mit ihr zu Destinas Party gehen würde, doch Jennie war in Marks Nähe immer ein stotterndes Chaos und brachte kein normales Wort raus.

„So lieb ich dich auch hab Jennie, du benimmst dich wie eine 6-Jährige bei ihrer Schuleinführung und so wird das mit Mark nie was, verstanden?“ während des Vortrags hatte Destina ihre Hände auf die Schultern ihrer Freundin gelegt damit diese nicht auf die Idee kam sich abzuwenden oder irgend sowas. „Du sagst mir immer das Gleiche. Wir sollten jetzt auch mal langsam in unsere Klasse gehen“ Dieses Mal war es Destina die frustriert war. Jennie wusste dass sie sich nicht wie eine 15- Jährige benahm, aber trotzdem hatte sie keinen Plan wie sie auf Mark zu gehen sollte. Sie war halt noch nie verknallt gewesen. Doch zum Glück gab es Menschen wie Destina, die Ahnung hatte wie man mit Jungs umging. „Ich geh in der Pause zu ihm, okay?“ Überrascht sah die beste Freundin auf die Kleinere neben sich, aber antwortete nicht sondern lief weiter bis sie beide in der Klasse angekommen waren.

Lucas und Ben standen an der Tafel und kritzelten irgendwas oder schrieben blöde Sprüche über die Klassenzicken Marie, Nina und Selina. Felix, Andre und Kathi beobachteten wie immer alles und lachten hin und wieder über die Kritzeleien. Die beiden Mädchen die eben erst reingekommen waren stellten ihre Taschen auf ihrem Platz ab und packten ordentlich ihre Musiksachen aus. Doch die Halb-Albanerin konnte es sich nicht verkneifen über den Crush ihrer besten Freundin zu reden: „Denk dran, diese Pause. und diesmal keine Ausreden!“ „Kannst du mal aufhören? Wenn Marie oder so davon was hören, kann ich gleich die Schule wechseln!“ zickte die Schwarzhaarige und warf einen warnenden Blick zu Destina, diese lachte aber nur über das Verhalten ihrer besten Freundin. Nach zwölf Jahren Freundschaft waren solche Momente schon normal geworden und sich wirklich streiten taten die beiden Mädchen auch nicht mehr. Sie waren einfach ein Dream-Team. Frau Kaiser kam in den Klassenraum, welcher mit vielen Postern und Plakaten von irgendwelchen Vorträgen geschmückt war, und an dem Gesichtsausdruck der älteren Musiklehrerin war schon zu erkennen dass ihre Laune im Keller war. „Oh oh“ flüsterte Jennie ihrer Sitznachbarin zu, welche nur kurz nickte und die Augen rollte. Musik war so uninteressant, vor allem bei Frau Kaiser. Für die ältere Dame gab es anscheinend nur Bach und die ganzen anderen Komponisten, welche sie letztes Jahr schon durchgenommen hatten. Nie redeten sie über Musik die die Jugendlichen von heute mochte. ,Ob sie das machte um uns zu ärgern?´ fragte sich Jennie in Gedanken.

Wie erwartet war die Musikstunde die reine Hölle und gerade deswegen freuten sich die besten Freundinnen über die zwanzigminütige Hof Pause. Und wie jede Pause setzten sich die Achtklässlerinnen auf die alten Holzbänke hinten auf dem Schulhof zu den Mädchen aus der 10.Klasse. Doch so ruhig und entspannend wie erhofft war die Pause für Jennie nicht, denn plötzlich viel Destina wieder ein was sie eigentlich diese Pause geplant hatten: „Jennie! Du hast noch eine gewisse Frage an einen gewissen süßen Typen“ Während die Albanerin das sagte, wackelte sie mit den fein gezupften Augenbrauen. „Ich weiß doch, aber er wird mich doch eh abblitzen lassen“ „Beweg deinen Hintern und frag ihn! Du bist hübsch, intelligent und meine beste Freundin. Der Typ muss dich einfach lieben, okay?“ Ein kurzes Nicken, was nun um einiges selbstbewusster wirkte als eben, und die Verliebte war aufgestanden. Mark stand mit seinem besten Freund Robin nur ungefähr zehn Meter weiter weg an den Tischtennisplatten, welche von den Jungen der 5.Klasse besetzt wurden, und genau dahin ging sie mit einem zarten Lächeln auf den Lippen und ihre Hände in die Hosentaschen gesteckt. Der Weg war eigentlich in weniger als einer Minute zu schaffen, doch für Jennie fühlte es sich an als ob es alles in Zeitlupe wäre. Und dann hatte sie es irgendwie geschafft hinter ihm zu stehen und ihn anzutippen. Leicht verwundert hatte sich der blonde Junge umgedreht und sah zu seiner Bekannten. Seine braunen Augen strahlten irgendwas Glückliches aus und Jennie hatte dies bemerkt. Sein Kumpel stand wie das dritte Rad am Wagen da und wusste nicht wie r reagieren sollte. „oh hey Jennie. Was geht ab?“ Er war so selbstsicher wie immer, doch innerlich freute er sich wie ein kleiner Junge an Weihnachten der ein neues Auto bekam. Ja, auch Mark war in die hübsche Schwarzhaarige verknallt und nur sein bester Freund wusste davon.

„Nicht viel. Schule ist immer noch nicht mein Lieblingsort, aber bin ja trotzdem hier“ lachte sie leicht, was er unglaublich niedlich fand. „Aber ich wollte d-dich noch etwas f-fragen“ Und da war sie wieder: Diese Unsicherheit in Jennie und diese ließ sie stottern. Mark blickte sie auffordernd an, was sie noch ein Stückchen mehr verunsicherte, jedoch schaffte das Mädchen es irgendwie weiter zu reden mit einer starken und nicht so verunsicherten Stimme: „Am Samstag hat Destina sturmfrei und will eine Party schmeißen. Und ich wollte fragen ob du vielleicht mit mir hingehen würdest, Mark.“ „E-echt? Klar geh ich mit dir hin.“ nun war es Mark der stotterte, aber Jennie bekam es gar nicht mit. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt nicht gleich schreiend über den Schulhof zu rennen und Destina in die Arme zu springen und ihr zu mindestens fünfzig Mal zu sagen wie glücklich sie in diesem Moment war. „Danke Mark. Wo treffen wir uns Samstag dann?“ Man hörte wahrscheinlich ihre Freude in ihrer Stimme, doch es war ihr gerade egal. „Ich hol dich bei dir zu Hause ab. Nicht dass dir noch was passiert so süß wie du bist“ Und während dieser Aussage hatte er ihr zu gezwinkert, weswegen Jennies Wangen nun ein leichter Rotschimmer überzog. Ein schnelles, extrem leises Okay von ihr und schon hatte sie sich umgedreht und lief zurück zu ihrer besten Freundin die noch immer auf dem Stammplatz saß und mit sich mit einem anderen Mädchen unterhielt. „Destina! Ich hab’s geschafft!“ mit einem riesigem Grinsen im Gesicht hüpfte die 14-Jährige vor ihrer Freundin rum und erzählte dieser alles haargenau. Und wie es sich für eine beste Freundin gehört, feiert man dieses Erfolgserlebnis natürlich mit: „Jetzt müssen wir nur noch bis Samstag warten“

Jennie hatte fast gar nicht geschlafen in der Nacht von Freitag auf Samstag, aber trotzdem merkte sie keine Anzeichen von Müdigkeit, sondern nur die Schmetterlinge in ihrem Bauch. Sie hatte jede mögliche Situation überdacht und hatte gefühlt tausend Outfits ausprobiert, doch am Ende war das erste doch das Beste. Eine etwas zerrissene Jeans, ein hübsches T-Shirt von ihrer Lieblingsband und einfach Adidas Sneakers. Und kaum hatte sie sich versehen, war es schon 18:00 Uhr und es klingelte kurz an der Haustür. Aufregung und Freude stiegen wieder in ihr auf und alle Sorgen waren wie weggeblasen.

„Du siehst super aus, Jennie!“ dieses Lächeln machte einfach schwach. Für Jennie waren diese fünf Wörter mehr als nur bestätigend. Dieser Abend konnte ja nur gut werden und so gingen sie los zu Destina die nur zehn Minuten weg wohnte. Doch nach zwei Minuten der Stille hatte Mark angefangen zu reden: „Weißt du Jennie, da gibt es so ein Mädchen und ich mag sie ziemlich…“ etwas geschockt über diese Aussage sah das Mädchen zu dem Jungen, doch sagte nichts dazu. „Sie ist nicht so wie die anderen. Nein, sie ist cool. Ich meine sie kann zocken und man kann echt über alles mit ihr reden…“ Die Angst nicht dieses Mädchen zu sein stieg in ihr und ihre Augen wurden feucht, doch sie weinte nicht.

„Und dieses Mädchen bist du…“ und damit blieb er stehen, mitten auf dem Gehweg, und zog Jennie in seine Arme: „Ich mag dich sehr, Jennie“

Das dicke Buch (Hommage an mein Gedächtnis)

Es gibt doch Dinge, an die wir nie dachten oder die wir im Leben selten beachten.
Vieles nimmt man im Alltag nicht wahr, es ist selbstverständlich für uns da.
Und plötzlich wird man erschreckt von Dingen, die uns aus dem Gleichgewicht bringen…
Die Oma, sie war mir immer so nah, plötzlich ist sie nicht mehr da.
Eine Freundin mit der ich einst geschwärmt, hat sich in eine andere Stadt entfernt.
Ich verlor mal einen Ring, an dem ich wirklich ganz sehr hing.
An der Arbeit gings mal drunter und drüber – wenn ich sie noch hätte, wäre es mir lieber.
Ein Ring, ein Brief oder ein Buch, man hat schon vergebens danach gesucht.
Was einmal fort ist, das ist nicht mehr…

 … wenn dieses dicke Buch nicht wär!

– in dem man alles wieder findet, was uns irgendwann entschwindet.
Wir haben dort seit Kindertagen alles gut leserlich eingetragen.
Manches, was nicht gerade wichtig, notierte man darin nur flüchtig.
Anderes, was war für uns schön, wird ganz farbig darin steh’n.

Bei Oma seh ich nicht nur die Brille, ich seh jedes Fältchen als Lebensrille.
Den Ring vergessen? – Nicht die Spur, ich seh den Glanz noch und die Gravur.
Am Arbeitsplatz gab’s Ernst und Lachen (man musste auch mal Witze machen…)
Alles, was wir wirklich lieben, wird in dieses Buch geschrieben
und wenn man mal ist ganz allein, schaut man einfach dort hinein.
Man kann dann mit dem Ring sich schmücken, Oma mit einem Kuss beglücken,
mit der Freundin einen Ausflug machen, oder mit Kollegen lachen.
Ich werde dieses Buch im Leben immer hegen und auch pflegen
denn sind erst Seiten heraus gerissen, dann ist das eigentlich … doch schade!

Petra Böttger