Solängen – Die Spuren eines Zaubers

Unendlichkeit. Un-end-lich-keit. Das Wort schwirrte mir im Kopf herum; es fühlte sich so unnahbar an, so unantastbar. Aber das war es doch, was ich sah. Oder nur zu sehen glaubte? Ich schloss die Augen. Doch sie blieb. Diese dichte Wand aus Nebel und Eis blieb. Und ich stand mittendrin. Meine Gedanken umkreisten mich, versuchten, die Leere zu füllen.

Früher, erinnerte ich mich, gab es nur selten Nebel. Es schien die Sonne, eine unwahrscheinlich warme Quelle, die alle kalten Gedanken vertrieb, alles Schlechte, alles Unzufriedene. Sie war eine leuchtende Kugel aus Freude und Weisheit, die immer da war, immer über mir. Und war ich mal allein, sah ich zu ihr auf, denn sie gab mir Kraft. Bei der Vorstellung wurde mir ganz warm ums Herz, so warm wie lange nicht mehr.
Ich sah die klaren Flüsse, die grünen Wälder sowie die bunte Wiese voller Abenteuer, auf der ich zauberhafte Geschichten erfuhr, obwohl ich mit der Zeit ihre Unwirklichkeiten begriff. Es wurde klarer um mich herum. Ich musste diese Vergangenheit zurückholen, sie zur Gegenwart machen. Denn ich brauchte den Wald und der Wald brauchte die Sonne.

Das Rauschen des Windes vernehmend, schritt ich achtsam den steinigen Weg entlang. Die Wand aus Nebel und Eis wurde dichter. Es fühlte sich so an, als würde sie eingehüllt in einer milchigen Tracht versuchen, mich bis zum letzten Atemzug, den ich von mir gäbe, auflösen zu wollen. Doch ich wollte keinen einzigen Gedanken an die Angst verschwenden, die ich jeden weiteren Schritt mit mir trug. „Es ist nur Schnee in der Leere“, rief ich laut, daran denkend, dass ich sieben Monate Kälte gewohnt war. Ich blickte auf meine Ärmel. Die Farben schienen wie vom Nebel verblichen zu sein.
Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. Je länger ich auf das einstig strahlende Gelb sah, umso schwächer leuchtete die Sonnenfarbe. Selbst das Grün, was die von mir geliebte Natur darstellte, glänzte nicht mehr wie der ehemals so grüne Gammelskog. Doch meine Erinnerungen füllten die graue Welt um mich herum schillernd aus:
Direkt vor mir beobachtete ich Rens, die leise vor sich hin grasten. Zum Glück sahen sie mich dank ihrer schlechten Augen nicht. Ich schaute mich weiter um. Rechterhand umgaben mich zwei endlos wirkende Bäume mit Stämmen so breit wie eine Kote.
Zu meiner Linken sah ich eine kleine Hütte. Sie erinnerte mich an unsere: Sie war zwar nicht groß, aber traumhaft anzusehen, denn ihr dunkelrotes Holz leuchtete wunderschön im Abendrot. Jedoch war diese keine Illusion. Die Hütte existierte wahrhaftig!
Interessiert betrachtete ich sie, als ich plötzlich den qualmenden Schornstein erfasste.
„Hallo?“, fragte ich in den Nebel hinein. Aber nichts erklang. Daher trat ich voller Neugier in das graue Holzhäuschen ein.
Doch meine Begierde verflog. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Eines der alten Fenster war speerangelweit offen und schlug gegen die Wand. Der mächtige Stuhl in der Mitte des Raumes wankte, knallte auf die morschen Dielen des Bodens. Angsterfüllt rannte ich hinaus und kauerte mich zitternd zusammen. Jedoch stapfte ich nach kurzer Besinnung im Glauben, es wäre ein Zeichen gewesen, entschlossen zurück.

Ich blickte auf die Fenster. Erschrocken hielt ich inne. Sie waren fest verschlossen! Verwirrt betrat ich das Stübchen und traute meinen Augen kaum: Die Fenster waren wirklich geschlossen! Der Stuhl aber lag noch genauso regungslos mitten im Raum wie zuvor. Ich hob ihn auf und stellte ihn an den großen Holztisch, dessen eine Seite in hellem Licht strahlte, während die andere in düsteren Schatten verschwamm. Überrascht erblickte ich in seinem Halbdunkel ein ohne Aufschrift versehenes Buch. Gespannt schlug ich es uf und blätterte. ,Scheinbar geht es um den Gammelskog‘, dachte ich und schob den schweren Band vorsichtig ans Fenster.
Eine zauberhafte Illustration musternd, spürte ich, wie mein Herz glücksstrahlend pochte, als wollte es herausspringen. Aufmerksam betrachtete ich, wie die Tiere mit funkelnden Augen in das warm leuchtende Sonnenlicht aus den Tiefen des Waldes zusammenkamen und sich nach dem gelben Strahlenmeer sehnten. Doch dieser „Zauber“, wie er mir vorkam, schien vor Ewigkeiten gewesen zu sein, in Zeiten, in denen sich Lebewesen nicht schadeten.

Daher wichen meine Augen vom Bild ab, erfassten die Botschaft am Blattrand:
„Hinterlasse keine Spuren,
denn Natur ist ein Schatz voll magievoller Gaben
unter den kräftig erfülltesten Farben,
die wir zu behalten schwuren.“

„Eine Sámi-Weisheit!“, rief ich. „Die Natur ist ein Schatz voll Gaben, doch kein einziger.“ Und ergänzte tiefsinnig: „Der größte Schatz, den die Natur gab, ist… ist das Leben!“
Entflammt erkannte ich die Blumenwiese. Sie war der Ort, an dem alles begann. Aufgeregt stürmte ich durch den dämmernden Wald. Die spitzen Nadeln der Bäume streiften meine Arme. Doch ich rannte weiter.

Ich erahnte das dicht umschlossene Überbleibsel des einstigen Farbpalastes und fühlte die Verbundenheit. An die Botschaft denkend, stimmte ich einen Joik, einen Sprechgesang aus Lauten sowie Gedanken, hoffnungsvoll an. Und tatsächlich! Der Zauber wirkte noch rechtzeitig vor Midsommar-Beginn:
Das Wetter schlug schlagartig um. Der Gammelskog ließ die neblige Kälte zurück und begann zu erblühen. Immer größer werdende Lichtscheine, in denen allmählich zahlreiche Geschöpfe herankamen, ließen alles erstrahlen. Ich blickte auf das Buch, das ich noch immer fest umschlossen trug. Plötzlich zeigten sich im Sonnenschein aufblitzende Buchstaben, die zur Aufschrift „Solängen“ (die Sonnenwiese) wurden. Alle kamen mitsamt ihrer Familie und Glückseligkeit zurück, hielten sich beisammen und feierten – den Midsommar, die Sonne, das Leben.
Und ich? Ich saß am Feuer und hörte, wie die alten Söhne und Töchter der Sonne wisperten: „Man muss hier gewesen und doch nicht hier gewesen sein.“
Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf und schaute in das plätschernde Wasser.

Von Viktoria Hennlein

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