2. Platz

0

Schreibe einen Kommentar Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


Bruno lernt fliegen

Bruno war gerade in die erste Klasse gekommen. Er war schon total aufgeregt, denn heute war seine erste Sportstunde. Er liebte Sport über alles – für ihn stand fest, das wird sein Lieblingsfach.

Die Sportstunde begann. Seine Sportlehrerin ließ sie alle auf eine Bank setzen. Nun stellten sie sich vor, den Namen, wo sie wohnen und welchen Sport sie am liebsten machen. Es war gar nicht so leicht abzuwarten bis man dran war. Denn die Wörter wollten immer ganz schnell aus Bruno raus. Endlich war er dran. So erzählte er, dass er seit drei Jahren Ski Alpin fährt und schon an vielen Wettkämpfen teilgenommen hat. Aber eigentlich möchte er, so wie die Großen im Verein, mal von der Schanze springen. Das wäre soooooo cool.

Als er 5 Jahre alt war, war es endlich so weit. Er, Bruno, durfte endlich mal springen. Es war einfach cool. Im Bauch hat es mächtig gekribbelt und er war nervös. Viele Fragen schossen ihm durch den Kopf. Würde er den Schanzentisch treffen? Was ist, wenn er stürzt? Steht er den Sprung? Jetzt war es soweit. Bruno schnallte die Sprungskier an. Schob seine Sprungbrille ins Gesicht. Vorsichtig schob er sich auf den Balken. Nun saß er da, voller Vorfreude. Er bekam vom Trainer noch ein paar Anweisungen. Jetzt konnte er starten. Vor lauter Anspannung rutschte Bruno auf dem Balken hin und her. Jetzt bekam er freie Bahn. Bruno rückte sich zurecht. Beugte sich nach vorne, ging noch mal durch was der Trainer zu ihm gesagt hatte und … ließ los. Schnell waren die Skier in den Spuren. Da kam der Schanzentisch und … er sprang mit voller Kraft ab. Leider zu spät. Schon war er sicher gelandet und stand den Sprung. Das Ausfahren hatte er oft geübt. Es war sein allererster Sprung. Das war cool. Er schnallt die Skier ab und rannte die Treppen hoch. Es war ein cooles Gefühl gewesen. Er wollte noch mal Springen und wollte auch nicht wieder aufhören. Seine Mama und sein Trainer lobten ihn für den tollen Sprung. Er durfte noch drei Mal Springen. Die Zeit ging viel zu schnell rum. Es sollte vorerst dabei bleiben. Deswegen wurde er traurig.

Jedes Kind erzählte und da war die erste Stunde vorbei. Nach einiger Zeit kam seine Sportlehrerin auf ihn zu und fragte ihn, ob er denn immer noch Springen möchte. Mit leuchtenden Augen schaute er sie an – Jaaa! Das wäre echt toll. Kurz darauf wurde Bruno von seiner Mama abgeholt. Da kam die Sportlehrerin auf sie zu und erzählte ihr von den Gesprächen mit Bruno. Bruno war nervös, weil er nicht wusste, wie seine Mama darauf reagieren würde. Nun stellt die Lehrerin die Frage, auf die er die ganze Zeit gewartet hatte. Mama gab ihre Handynummer an die Lehrerin weiter. Diese wollte sich mit dem Sprungtrainer unterhalten. Sie hielt ihr Wort und hatte sich mit dem Trainer unterhalten. Im nächsten Sportunterricht war er da und schaute Bruno zu.

Am nächsten Tag rief er Brunos Mama an. „Ich war bei Bruno im Sportunterricht und möchte ihn gern trainieren.“ Brunos Mama war total erstaunt.

„Können Sie heute um 16:00 zur Schanzenbaute „Alte Ruhl“ kommen?“

„Leider nein.“ Denn sie hatten schon etwas vor. „Und am Donnerstag zur gleichen Uhrzeit?“ „Ja, das geht.“ „Bitte mit Langlaufsachen.“ Bruno konnte es kaum fassen, er durfte zum Schnuppertraining. Aber er war enttäuscht, denn er dachte, dass sie Springen. Die 2 Tage zogen sich und wollten nicht vergehen. Endlich war es so weit. Er durfte mitmachen. Schnell machte er die Hausaufgaben und zog sich um. Dann ging es los. Er quasselte die ganze Fahrt auf seine Mama ein. Sie machten einen Deal. Wenn es ihm gefällt, darf er weiter machen. Aber da es mitten in der Alpinsaison war, wurde diese wenigstens noch beendet. Damit war Bruno einverstanden. Glücklich sprang er aus dem Auto. Der Trainer erwartete sie bereits. Er hatte schon Schuhe, Skier und Stöcke dabei. Nun ging es los. Es war ein ganz anderes Gefühl als beim Alpine. Die Skier waren dünn und hatten keine Eisenkanten. Nach kurzer Zeit hatte er den Dreh raus und lief als ob er noch nie was anderes gemacht hätte. Der Trainer war sichtlich erfreut, und fragte ob er nächste Woche wiederkommen wolle. Da wäre auch Sprungtraining. Voller Begeisterung stimmte er zu. So wurde nach einem Sprunganzug und Schuhen gesucht. Alles war perfekt. Mit voller Ausrüstung traten sie den Heimweg an.

Zuhause angekommen erzählte er seinem Papa was er alles erlebt hatte. Sein Papa war überrascht von den vielen Sachen. Am Abend wäre Bruno am liebsten mit Skiern ins Bett gehen.

Nun stand er im Auslauf, im Sprunganzug, Schuhen und Helm. Bereit zur ersten Abfahrt. Wieder fühlten sich die Skier anders an. Sie waren breiter und länger. Ihm wurde erklärt worauf er achten soll – Po oben halten und Arme gestreckt lassen. Sein Herz klopfte. Nun ließ der Trainer in los und er rutschte hinunter. Er überlegte: Wie war das? Bei den Tannenzweigen, Po runter und ausfahren. So tat er es und kam zum Stehen. Das war toll. Bruno beeilte sich nach oben zu kommen. Das machte Spaß. Danach stand für ihn fest: er möchte die Sportart wechseln.

Die Zeit verging, er trainierte fleißig. Es klappte von Mal zu Mal besser. Der Winter verging, das bedeutete für Bruno, bald durfte er das erste Mal springen.

Nun war es so weit. Diesmal mit Sprungskiern an den Füßen. Bruno krabbelte auf den Balken. Zog die Brille ins Gesicht und lauschte den Ansagen von seinem Trainer.

Eric Langert

129

Ein Lied

„Was pfeifst du da?“, fragt die ältere Frau den kleinen Jungen, der in der Sonne sitzt. In Ruhla, der kleinen Bergstadt, auf dem Marktplatz lässt es sich gut aushalten. Auf den Bänken in der Sonne. Er blinzelt sie an: „Das hat meine Oma immer gesungen – sie kannte es aus ihrer Kindheit. Sie lebt leider nicht mehr und ist bei den Engeln. Immer wenn sie am Wochenende Klöße gemacht hat, hat sie es gesungen. Ich weiß nicht wie es heißt, aber ich pfeife immer es vor mich hin, damit ich es nicht vergesse“.

Die alte Frau ist gerührt. Sie streichelt dem Kleinen übers Haar und geht zurück zu den anderen Leuten, mit denen Sie an der Touristeninformation wartet. Die Reisegruppe macht einen Stopp in der ehemaligen Uhrenstadt Ruhla. Das Uhrenmuseum stand auf dem Plan. Für die Nostalgiker. Oder besser gesagt „Ostalgiker“. Was für eine Fahrt durch die neuen Bundesländer. Spannend irgendwie. So 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Umzug in den Westen hat sich die alte Dame aufgerafft, um nochmal auf den Spuren der alten Tage zu wandeln. Im Bus geht das ja auch ganz bequem. Noch ein Foto, dann geht‘s weiter. Oberhof soll ja jetzt so schön sein. Mal schauen. Sie summt das Liedchen während der Busfahrt vor sich hin. „Wie schön denkt sich der Typ im Anzug. Ganz schnieke sitzt er neben den Älteren im Bus – Marketingrecherchen vor Ort – die Agentur braucht seine Einschätzung zu den Hot-Spots der Bustour. Muss ja sich lohnen, solche Fahrten anzubieten.

Ein paar Tage später zuhause summt er unter der Dusche das kleine Lied. Seine Frau freut sich. „Endlich gute Laune“, denkt sie. Da passt die Flasche Rosé Wein doch super zum gemeinsamen Feierabend.

Am nächsten Tag erzählt sie ihrer besten Freundin von dem romantischen Abend. „Er hat sogar unter der Dusche gesungen und war gut drauf, endlich hatten wir mal wieder eine gute Zeit zu zweit“. „Was hat er denn gesungen?“, fragt die Freundin im Kostüm. Sie fliegt gleich weiter, was für ein Stress. Die Fluglinie plant immer ziemlich eng. San Francisco steht auf dem Plan. Aber von der Stadt hat sie auch nicht so viel – keine Zeit, viel zu teuer und der Flug geht weiter. Das Lied kann die Freundin noch ganz genau nachsummen. Die Frauen umarmen sich. Zum Glück hat es dieses Mal auf ein Käffchen geklappt. Am nächsten Abend sitzt die hübsche Frau im Kostüm in einer Kneipe in Fisherman‘s Wharf, dem bekannten Hafenviertel. Die Seelöwen brüllen am Pier und es gibt leckeren Fisch zum Abendessen. Obwohl alle todmüde sind, wollten die Kollegen noch ausgehen. Die Flugbegleiter sind außer Rand und Band! Na ja, so gut es geht – der Wein war auch wieder so lecker. Da stimmt man glatt eine Liedchen an auf dem Weg ins Hotel. „Was war denn das für ein Song?“, fragt die Kollegin neugierig? „Weiß auch nicht, wo ich den her habe“, lacht die junge Frau zurück. „Was war das nur für ein Lied?“ „Wie schön!“, ruft der Kerl mit der Gitarre ihr zu. Er spielt schon den ganzen Abend. Muss sich ja lohnen, ist echt teuer hier. Er klimpert den Song ein bisschen auf seiner Gitarre. Bevor es morgen per Anhalter Richtung Mexico geht. Da will er ein bisschen chillen. Ist eh viel billiger dort an der Baja California. Und die Mädels sind echt schön da, die kommen zum Feiern dort hin.  Denen muss man was bieten. Wie der dunkelhaarigen Schönheit. Wo kam sie nochmal her? Irgendwas mit Singapore? Oder so ähnlich. Aber romantisch sind sie alle. Ist doch schön, so am Strand mit der Gitarre und der Tequila Flasche. Er summt ihr das neue Liedchen vor. „Echt fresh, aus San Francisco. Weiß auch nicht, was ich daraus mache, ich bin da in einer kreativen Findungsphase“, flüstert er. Ihr gefällt es. Für eine Nacht am Strand ist das genau der richtige Soundtrack. Leider geht es morgen schon zurück. Das Jahr in Californien am College ging schnell vorbei. Die Spring Break Party am Beach von Mexico war gleichzeitig die Abschiedsparty von ihrem Austauschjahr in der USA. Mal sehen, wie es nun zuhause weiter geht. Zum Glück gibts ja die Fotos, zur Erinnerung auf ihrem Smartphone. Die schaut sie sich so oft an. Auch vom Strand und dem Typen mit der Gitarre. Hach war das schön und das war doch dieser Song … Sie summt ihn noch in der Bibliothek vor sich hin, dabei muss sie muss echt was schaffen, das Studium ist hart. “Ruhe!“, wird sie ermahnt. Es ist immer so streng hier. Aber man will ja in Ruhe arbeiten. Der Typ von der Bibliotheksausleihe ist genervt. „Muss ausgerechnet hier so ein Krach sein?“ Den Lärm hat er heute Abend noch genug – da arbeitet er noch woanders, in einem Schnellrestaurant. Da geht‘s zackig zur Sache. Hier genießt er die Ruhe schon sehr. Zum Glück wird‘s zu späterer Stunde ruhiger im Fast Food Laden. Da hat er Zeit, in Ruhe aufzuräumen. Nur dieser verrückte Typ sitzt noch in der Ecke. Bestimmt wegen des W-LANs. Aufgrund des Gourmet Essens bestimmt nicht. Er summt vor sich hin: „Wo kam denn diese Melodie bloß her? Ach ja, aus der Bibliothek“, fällt ihm ein. Er summt und putzt und lacht den Reisenden an, der seine Straßenkarte quer über den Tisch ausgebreitet hat. „Kann man ja gar nicht richtig sauber machen“, denkt der Arbeitende. Und er putzt und summt laut vor sich hin – ein Lied. „Wie kurios“, freut sich der Rucksacktourist. „Ist doch was für meine Instagram-Story. So ein Ausschnitt aus dem echten Leben hier. Kommt sicher voll real rüber“. Ein kurzes Clip, und schon ist der summende Putzteufel online. Nur für einen Tag versteht sich, die Story löscht sich nach 24 Stunden wieder. „Krass, schon 200 Leute, die sich das angeschaut haben“. Auch in Moskau. Da geht das W-LAN im Hotel echt gut. Der Kumpel aus Russland besucht gerade eine Hochzeit in der Hauptstadt. Da geht was, vor allem alkoholisch! Mit Wodka im Blut singt sich´s doch gleich viel besser. Auch diesen Song, den er irgendwo gehört hat. Wo war das noch gleich? Ach egal, let‘s have a Party! Da sind auch wieder die Freunde aus Deutschland dabei. „Macht Laune, denen mal zu zeigen, wie richtig gefeiert wird“, freut er sich. Den Wodka nehmen sie mit, die wohnen in Thüringen, in Eisenach. Da war er auch schon zu Besuch, die Wartburg war echt beeindruckend. Genau so beeindruckend wie eine echte russische Hochzeit. Davon kann man sogar den Arbeitskollegen in Eisenach erzählen. „Was für ein Spaß war das! Wir haben getanzt und gesungen bis zum frühen Morgen“, erzählt den Hochzeitsgast den Kollegen. Er summt dazu dieses kleine Lied, das so einprägsam war. „Verrückt“, denkt sich die hübsche Brünette aus dem Büro, “Irgendwo her kenne ich das Lied doch“. Sie summt es mit und vergisst es später wieder. Heute steht ja noch ein Geburtstag an, da muss sie noch nach Ruhla, in diese Bergstadt. Der Neffe wird sieben Jahre alt. Zum Glück hat sie das Geschenk schon gekauft. So eine Actionfigur, keine Ahnung, was das eigentlich genau ist. Und wie er sich darüber freut am Nachmittag. „Das ist richtig cool“, lacht der Kleine. „Hör mal, das hab‘ ich heute an der Arbeit aufgeschnappt, das wird dir gefallen“, sagt die Tante, und summt ihm das kleine Liedchen vor, ein Ständchen der besonderen Art. „Woher kennst du denn Omas Lied?“, fragt der Kleine. „Omas Lied? Ich dachte, das kommt aus Moskau?“. Der Kleine schüttelt den Kopf: „Das kommt doch aus Ruhla, weißt du das denn nicht, wie soll denn ein Lied um die halbe Welt reisen können?“. Er lacht und freut sich über den schönen Tag. Und die Tante summt noch einmal diese besondere Melodie vor sich hin und denk: „Ein Lied – wie soll denn das um die halb Welt reisen? Das ist ja unmöglich“.

Dann geht sie zu den anderen Gästen. Vielleicht singen die ja noch ein bisschen mit.

Franziska Klemm (August 2019)

28

Nachtgedanken

Da war dieses Rot. Die Farbe ihrer geschwungenen Lippen, die sich als einziges von der Dunkelheit der Nacht abhoben. Einer Nacht, in der man erkannte, wie klein man doch war, verglichen mit dem Rest der Welt. Das war der Gedanke, den Nora hatte, als sie im Nachtzug saß, den Kopf erschöpft gegen das kühle Glas der Scheibe gelehnt. Stumm betrachtete sie ihr verzerrtes Spiegelbild.

Von der schlanken Gestalt und der makellosen Haut, über die von dichten Wimpern umrahmten, braunen Augen bis hin zu dem Klang ihrer Stimme, schien Nora eine Vollkommenheit auszustrahlen. Hätten die übrigen Fahrgäste in dem belebten Abteil sie mit einem Wort beschreiben müssen, so wäre es Perfektion gewesen.

Perfektion.

Nora hatte dieses Wort hassen gelernt. Beim Ballett war es immer um Perfektion gegangen. Bereits als Kind war sie stets, sei es beim Sport oder der Schule, mit anderen verglichen und zu besseren Leistungen angespornt worden. Hatte sie auf der Bühne eine besonders starke Vorführung abgeliefert, hatte es höflichen Beifall und das schwache Nicken der Jury als Belohnung gegeben. Machte sie jedoch einen Fehler, wurde dies sofort vermerkt und Nora glaubte eine Spur der Enttäuschung auf den Gesichtern ihrer Eltern zu sehen.

In dieser Welt schien es keinen Platz zu geben fürs Scheitern. Nora fragte sich, warum es nicht in Ordnung war, sein Bestes zu geben, auch wenn dies oft nicht ausreichte. Warum Menschen andere und sich selbst für die einfachsten Dinge verurteilten. Da Nora keine Antworten auf diese Fragen wusste, hatte sie dafür gesorgt, den Schein der Perfektion zu wahren. Personen in ihrem näheren Umfeld sahen genau das, was sie sehen sollten.

Die Art wie Nora sich bewegte, wie sie redete und lachte, ja sogar wie sie andere ansah, hatte etwas Überlegenes und Bewundernswertes an sich. Männer verliebten sich in sie, Frauen eiferten ihr nach. Sie alle waren blind für die Wirklichkeit. Die unbändige Angst, ihre Mitmenschen zu enttäuschen, war Jahr für Jahr in Nora gewachsen und gereift. Je mehr Zeit vergangen war, desto verbitterter hatte sie sich an ihre Maske geklammert. Doch sie wusste: Nur ein Fehler, nur ein kleiner Ausrutscher, und sie würde in tausend Stücke zerspringen.

An diesem Abend war Nora dem Zusammensturz ihrer Fassade so nah gewesen, wie noch nie. Sie versuchte das Geschehene vollständig vor ihrem inneren Auge Revue passieren zu lassen, doch viele Details des Streites drohten bereits zu verblassen. Gut so, dachte sie in einem Moment der Erleichterung. Schließlich hatte sie die Flucht aus der Realität gewollt und diese mit Betreten des Nachtzuges gefunden. Doch Nora wusste, dass die Glasscherben in der Küche, die stummen Zeugen des Geschehenen, sie wieder an alles erinnern würden, wenn sie nach Hause kam. An die Erregung in seiner Stimme, den fiebrigen Glanz in seinen Augen und seine vergeblichen Versuche, sie in den Arm zu nehmen. Als sie ihn von sich gestoßen hatte, war das Weinglas zu Bruch gegangen.

Nora zuckte zusammen. Erneut dachte sie an die tiefrote Farbe zurück. Lippenstift, Wein… aber da war noch etwas anderes. Die Farbe ihres Sommerkleides, das er so an ihr liebte. Nora dachte an die unzähligen Ausflüge zurück, bei denen sie es getragen hatte. Die Art, wie er sie dann angesehen hatte: so stolz; ihre zierlichen Finger von seiner rauen Hand umschlossen. Nora war schon immer der Ansicht gewesen, dass ihre Hände perfekt ineinanderpassten.

Und dennoch musste sie sich eingestehen, dass es ihr zunehmend schwerfiel, ihre Maske vor ihm aufrecht zu erhalten. Zunächst waren es nur kleine Risse gewesen, die sich auf deren Oberfläche zeigten. Ein unglücklicher Ausdruck, der über ihr Gesicht huschte, bevor sie diesen verstecken konnte. Dann hatte die Fassade mehr und mehr zu bröckeln begonnen. „Wahre Schönheit ist natürlich“, hatte er gesagt, „Menschen sind am Schönsten, wenn sie lachen. Aber die Art, wie du lachst, wirkt so unaufrichtig.“ Bei seinen Worten hatte ihr Herz für einen Moment aufgehört zu schlagen. Mit leerem Blick hatte sie sich abgewandt, während die Angst ihre Kehle hinaufkroch und sie zu ersticken drohte. Danach war da nur noch das Zuschlagen der Wohnungstür zu hören gewesen, bevor sie die qualvolle Stille der Nacht empfing.

Am Anfang hatte sie vorgehabt, nur eine kurze Runde um den Block zu laufen, einen klaren Kopf zu bekommen und sich zu sammeln. Sie hatte in ihrer dünnen Bluse auf dem Gehsteig gestanden und sich vorgestellt, wie sie zurückkommen würde. Sie hätte sich für ihr Benehmen entschuldigt, versprochen es in Zukunft besser zu machen und sie hätten sich versöhnt.

Dann jedoch war da dieses hässliche Gefühl in ihr aufgekommen, und sie dachte daran, wie er die ganze Nacht lang wach lag, die gebräunten Arme hinter dem Kopf verschränkt und angespannt auf Geräusche lauschte, die ihre Rückkehr ankündigten. Diese würden ausbleiben. Und er würde erkennen, dass er dieses Mal zu weit gegangen war, bei ihren üblichen Diskussionen.

Als der Zug zum Halten kam und etliche Fahrgäste ausstiegen, spürte Nora die neugierigen Blicke der anderen. Diese waren sicher interessiert zu erfahren, wer die schweigsame junge Frau war, die zu so später Stunde alleine und ohne Gepäck unterwegs war.

Bereits als Kind hatte Nora das Zugfahren geliebt. Sie hatte die übrigen Leute beobachtet, sich Namen und Geschichten für sie ausgedacht. Eine Ansammlung von Fremden. Ein jeder von ihnen hatte ein unterschiedliches Ziel, unterschiedliche Erwartungen und Träume, aber auch Ängste. Ob der Mann mit dem Blumenstrauß wohl seine Freundin besucht, hatte sich ihr jüngeres Ich gefragt, oder sind die Blumen für seine kranke Mutter? Ersterer Gedanke hatte sich als richtig herausgestellt, als Nora beobachtet hatte, wie der Mann von einer groß gewachsenen Dame am Bahnsteig empfangen wurde. Doch anstatt sich für die Blumen zu bedanken, schien sie sich über die Unpünktlichkeit des Zuges zu beschweren. Nora wusste noch haargenau, was sie in diesem Moment gedacht hatte. Und zwar, dass Menschen für wahre Schönheit keine Zeit hatten. Sie schienen aus irgendeinem Grund stets das Schlechte in allem zu sehen.

Jetzt, da sie selbst eine junge Frau geworden war, kam es Nora falsch vor, über andere zu urteilen, ohne die ganze Wahrheit zu kennen. Wie oft hatte sie schließlich Dinge gesagt ohne jegliche Spur von Aufrichtigkeit? Wie oft hatte sie sich eingeredet, dass es okay wäre, allen etwas vor zu machen, insbesondere sich selbst? Und bei jedem Wort dieses halbherzige Lächeln auf ihren geschwungenen Lippen. Dabei hatte sie doch versucht aufrichtig zu lächeln. Aber keinem war der Unterschied aufgefallen. Lächeln in einer endlosen Spirale des Schmerzes. War das ihr Schicksal?

Und zum ersten Mal fragte sich Nora, ob sie glücklich war mit dem von ihr gewählten Leben. Sie hatte leben und sich selbst verwirklichen wollen als Tänzerin. Sie wollte sich nicht für ihre Handlungen schämen müssen. Aber wenn sie sich jetzt so ansah, war alles, was sie erkennen konnte, Lügen und Heuchelei.

Ein Ruckeln erfuhr das Zugabteil und ließ Nora erschrocken die Augen aufreißen. Wie sehr hatte sie sich in ihren Gedanken verloren? Wie lange war sie so ziellos durch die Gegend gefahren? Sie erinnerte sich nicht. Als ein heruntergekommener Bahnhof in Sicht kam, erhob sie sich langsam und wankte vorwärts. Das silberne Licht des vollen Mondes empfing sie, als sich die Zugtüren vor ihr öffneten. Auf dem Bahnsteig angekommen, richtete sich die junge Frau auf, inhalierte die kühle Nachtluft und atmete diese nach einigen Sekunden erleichtert aus. Der einsame Klang eines Windspiels drang von dem Bahnhofsgebäude zu ihr herüber. Sie begann zu laufen. Ohne Ziel. Einfach weiter. Allmählich lichtete sich der Nadelwald, durch welchen der Landstrich größtenteils geprägt war. Die Bäume standen in größeren Abständen voneinander entfernt und ließen das Mondlicht hindurch. Hinter einer Anhöhe erhaschte Nora einen flüchtigen Blick auf den schwarzen Ozean. Aus irgendeinem Grund schien er sie anzuziehen. Und als der feste Boden durch losen Sand abgelöst wurde, konnte sie dem Bedürfnis, die feinen Körner zwischen ihren Zehen zu spüren, nicht widerstehen. Den Blick auf das Rot ihrer Fußnägel gerichtet, schritt sie auf das Meer zu. Zaghaft zuerst, dann immer zügiger. Und als das eiskalte Salzwasser ihre Knöchel umschloss, fühlte es sich fast schon so an, als würden mit der Berührung alle Sorgen, Zweifel und Ängste der vergangenen Stunden von ihr abfallen.

Nora schloss die Augen und lauschte dem gleichmäßigen Wellengang. Doch plötzlich erregte ein vertraut klingendes Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Es war das Lachen eines kleinen Mädchens, das mit seiner Mutter etliche Meter entfernt zu einer stillen Melodie zu tanzen schien. Die weißen Kleider, das herzliche Lachen und die Art wie sie sich wiegten, erinnerten Nora aus irgendeinem Grund an den Tanz von Waldgeistern. Für einen Moment dachte sie, es handele sich bei den beiden um ein Trugbild; eine Folge ihres Schlafmangels. Doch dann riss der spitze Schrei des Mädchens sie zurück in die Wirklichkeit. Anscheinend hatte sie den Halt verloren und war hingefallen. Scheitern, dachte Nora unwillkürlich. Doch weder der Mutter noch dem Kind selbst schien der Vorfall etwas auszumachen. Ganz im Gegenteil. Eifrig rappelte sich die zierliche Gestalt auf, klopfte den Sand von der Kleidung, ergriff die Hand der Mutter und tanzte weiter. Nora beobachtete sie eine ganze Weile aus sicherer Entfernung. Dann ertappte sie sich dabei, wie sie langsam einen Fuß vor den anderen setzte, bis sie direkt vor den beiden stand. Für einen Augenblick flackerte Angst in den Augen der Mutter auf. Doch diese erlosch in der Sekunde, in der ihre Tochter die kleinen Händchen ausstreckte und Nora einlud, sich ihnen anzuschließen.

Die junge Frau zögerte. Nachts mit Fremden am Strand zu tanzen, kam ihr unwirklich vor. Was würden ihre Freunde denken, wenn sie sie jetzt sehen könnten? Nach einer stundenlangen Fahrt ins Ungewisse. Doch die Dunkelheit um sie herum, die ihr anfangs so bedrohlich vorgekommen war, strahlte nun Ruhe und Geborgenheit aus.

Niemand würde sie sehen.

Sie begann schüchtern die Bewegungen der Tanzenden nachzuahmen. Anfangs fiel es ihr schwer zu tanzen, ohne Musik zu hören, ohne einen Rhythmus zu spüren. Doch mit jeder Minute, die verstrich, fühlte sie sich sicherer. Die Schritte schienen die richtigen zu sein. Sie ergriff die Hand des Mädchens, drehte sich, ließ sich vollkommen in dem Gefühl fallen.

Niemand würde sie sehen.

Dieser Gedanke gab ihr den notwendigen Mut und die Sicherheit aus sich herauszugehen, eine Leidenschaft zu empfinden, so wie sie sie damals fürs Ballett empfunden hatte. Doch dieses Tanzen war anders. Es kam nicht auf die richtige Haltung, auf Perfektion beim Ausführen der einzelnen Figuren an. In dieser Nacht war der Sandstrand ihre Bühne. Als Scheinwerfer fungierte der volle Mond, dessen Licht nicht reiner hätte sein können. Statt in die Gesichter des Publikums zu blicken, das sich auf den Rängen zu einer Einheit vereinigte, sah sie das tiefe Blau des Ozeans vor sich, ein einziger stummer Zuschauer.

Die drei Gestalten bildeten einen Kreis, wirbelten herum, sodass Sand aufstob. Das Adrenalin in ihren Venen, die wohlige Wärme, die zurück in ihren Körper strömte, das Gefühl der Sandkörner unter ihren Füßen und das Mondlicht auf ihrer Haut ließen Nora lebendig fühlen. Sie warf den Kopf zurück und lachte laut und aufrichtig.

Niemand würde sie sehen, dachte sie erneut und schluckte.

Niemand würde sie sehen…


32

Max – Das Rätsel einer Zeit

Stille, ewige Stille füllte den leeren Raum mit Erinnerungen. Bei dem Gedanken daran, fühlte es sich so an, als würde meine Seele gefrieren und in dem Moment wusste ich: Ich hätte mir niemals einbilden sollen, das Rätsel lösen zu können.

Aber angefangen hatte alles, als ich vor ein paar Tagen in der Nacht ein Geräusch hörte, das wie ein leises Ticken einer großen, alten Uhr klang. Doch ich war so sehr im Schlaf versunken, dass ich nicht wusste, ob es echt oder nur eingebildet in dem Geflüster meiner Gedanken zu hören war. Ich versuchte zwar, mich darauf zu konzentrieren, aber das stumpfe Ticken war nicht mehr zu hören. Die scheinbar endlos mitreißende Stille zog sich wieder durch den ganzen Raum, nahm mich ein und wog mich wieder sanft in den Schlaf.

… Ich lief den Weg weiter entlang ins Dorf, über die schmale, mit Kopfsteinpflaster gebaute Brücke und wollte gerade in die nächste Gasse einbiegen, als ich auf einmal eine große, unheimliche Gestalt in schwarzem Mantel sah, die geradewegs durch die Gasse rannte. Plötzlich machte sie halt und drehte sich verängstigt nach mir um, als hätte sie gewusst, dass sie beobachtet wurde. Schnell versteckte ich mich hinter der alten Brücke und fuhr in mir zusammen. Mein Puls raste so schnell wie noch nie und das Herz pochte so heftig als wollte es herausspringen.

Nachdem die Gestalt nicht mehr zu sehen war, atmete ich tief durch und guckte vorsichtig über die Brücke hinweg. Dabei entdeckte ich etwas Interessantes, was die Person dem Anschein nach verloren hatte. Es war ein zerknitterter mit der Aufschrift „Max“ versehener Zettel, auf dessen Rückseite dem Jahr 2018 handgeschrieben in altdeutscher Schrift stand…

Ich öffnete langsam blinzelnd die Augen. Erschrocken und zugleich auch erleichtert stellte ich fest, dass es nur ein Traum war. Das dachte ich zumindest. Denn auf einmal bemerkte ich etwas ziemlich Hartes, was furchtbar nach Erde roch. Ich nahm es in die Hand und stellte verwirrt und voller Erstaunen fest, dass es der mysteriöse Zettel aus meinem vermeintlichen Traum war. Kurz darauf kroch mir der eigenartige, feuchte und zugleich trockene Geruch in die Nase, während ich begann, das Blatt vorsichtig aufzufalten. Und ich entdeckte tatsächlich den mit dunkler Tinte geschriebenen Namen und das über 100 Jahre alte Datum. Jedoch war dies nicht das Einzige, was ich zu sehen vermochte. Fast unscheinbar, sich am Rande des Blattes verbergend erkannte ich eine kleine, gar unlesbare Schrift, mit der ich auf den ersten Blick nichts anfangen konnte. Doch plötzlich, dank eines sanften Lichtstrahls, der von der Sonne durch das schmale Fenster des Zimmers zart auf mich herabzusinken schien, spiegelte sich der unbekannte Schriftzug erst spärlich und dann immer deutlicher zu erkennen auf dem von Glas bedecktem Ziffernblatt meiner dunkelblauen Uhr. Ohne nun den Lichtschein zu verlieren, blickte ich immer näherkommend auf das Glas meiner Uhr und betrachtete die kurz hinterlassene Nachricht: Es ist deines Schicksals Weg.    

In diesem Moment wurde mir klar: Ich muss tatsächlich zur Brücke!

Draußen war es für einen Spätsommertag kalt und windig. Dichter Nebel legte sich über die Straßen und den Ort. Die Sonne kam kaum aus den Wolken heraus und war nur schwer zu erkennen. Doch das stürmische Wetter hielt mich nicht auf. Nichts konnte mich nun noch von meinem Weg abbringen. Eine Antwort suchend blickte ich auf zum wolkenbedeckten Himmel. Jedoch empfing ich weder die erhoffte Antwort noch einen Einfall, der mir die Augen öffnen und helfen konnte.

Plötzlich sah ich einen aus dem Nichts erschienenen alten Mann, den ich noch nie zuvor im Ort gesehen hatte.

Es schien, als wäre er schon fast 100 Jahre alt. Jedoch nicht wegen der Haut oder seines Ganges, obwohl er einen großen Regenschirm als Gehstock nutzte, der ihn bei seiner Art zu laufen, zu unterstützen schien, sondern wegen seiner Kleidung und seines Stils. Er trug eine Art Sakkoanzug, wie ich ihn oft schon in Schwarzweißfilmen gesehen hatte, eine weite, geradegeschnittene braune Hose und schwarze, glänzende Schuhe. Zudem bedeckte ein dunkler Homburg Hut die schwarzen Haare des Mannes und warf einen Schatten auf seine hellen Augen. Je näher er kam, desto mehr erkannte ich sein Gesicht, obwohl ich ihn nie wahrhaftig gesehen hatte. Seine Augen schienen immer heller zu werden, obwohl sie ihre Farbe nicht änderten und der Mann blickte nun vorsichtig, aber unheimlich ausdrucksstark vom Boden auf, als trüge er eine einzigartige Gabe in sich.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und mein Körper zuckte kurz zusammen, nachdem der Unbekannte sich durch den dichten Nebel zu erkennen gab. Der Alte sah mich genau untersuchend an. Auch ich konnte einer genaueren Betrachtung nicht widerstehen und riskierte es, ihm eines Blickes zu würdigen.

Seine grünen, aber gleichzeitig auch hellblauen Augen waren voller Hoffnung auf Glück und trugen förmlich die unendliche Wissbegierde in sich, wie ich sie noch nie zuvor in meinen Leben gesehen hatte.

Seine markante Narbe am schmalen, spitzen Kinn war dieselbe wie ich sie schon gefühlt mein ganzes Leben lang hatte. Nur seine Haare waren anders, so schwarz wie der Tod und das Unglück.

Endlich begann sich mir in Gedanken eine Tür zu öffnen, deren Eintritt ich keinesfalls verwehren wollte, denn hinter ihr schien es, als gäbe es auf jede Frage eine Antwort, in der sich jedes Puzzleteil zu einem Bild zusammenfügte, und jeder Weg zu einem Ziel führte, das ich nun vor Augen hatte.

Doch, was ich vor allem an dem rätselhaften Mann besonders fand, war, dass er mir alles nahezu Unerklärliche erzählte, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Ich konnte seinem tiefen Blick, der wie ein offenes Fenster seiner Gedanken war, lange nicht entweichen. Doch während er an mir vorbeilief und meine Jacke mit dem großen Holzgriff des Regenschirms streifte, drehte ich mich zitternd um und rief mit weinerlicher Stimme innerlich zusammenbrechend: „Max!“

Der Alte blieb versteinert wie im Boden verankert stehen und stützte sich mit seinem scheinbar verletzten Arm auf den großen, grauen Regenschirm. Offensichtlich hatte er mich wirklich gehört. Jedoch machte er keine Anstalten, sich mir auch verbal zu öffnen, sondern deutete stattdessen mit dem anderen Arm hoch zum Waldesrand, wo die alten, fast vergessenen Erlengräber lagen. Seinem Blick folgend sah ich den Berg hinauf und noch bevor ich ihm eines dankbaren Blickes würdigen konnte, war er genau so rätselhaft ins Nichts verschwunden, wie er auch erschienen war.

Ich blickte noch eine Weile auf die unscheinbar wirkende Stelle, an der sich bis eben noch einer der bedeutendsten Personen meiner Familie befand, rannte dann jedoch nach diesem Moment des Innehaltens mit voller Entschlossenheit, Max´ Nachricht zu entschlüsseln und damit vielleicht sogar ein geheimnisvolles Rätsel der Vergangenheit zu lösen, in die Richtung des alten Friedhofs.

Darüber nachdenkend, was er mir zu sagen versucht hatte, näherte ich mich nach Luft schnappend langsam dem längst vergessenen Friedhof der Kriegsgefallenen aus dem Ersten Weltkrieg, der später in Vergessenheit geriet und durch die umliegenden Erlen zuwuchs.

Der Wind pfiff in schrillen Tönen immer stärker werdend über die Wiesen und Felder, die ich bereits hinter mir gelassen hatte, und krümmte die uralten heruntergekommenen Bäume so, dass sie nur noch verelendet mit ihren fast ganz aus dem Boden herausgedrückten Wurzeln neben dem fruchtbaren Boden der grünen Wiese standen und mitleidig anzusehen waren.

Oben angekommen öffnete mir ein kalter Windstoß quietschend die Tür des halb zerfallenen Friedhofzauns.

Vorsichtig schritt ich durch den rostigen Eingang des Ortes hindurch. Furcht erfasste mich und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als ich die Anlage geradeausschauend betrat. Verborgen, versteckt in der hintersten Ecke der alten Begräbnisstätte, entdeckte ich ein riesiges Grabmal aus Naturstein, das mit einer Oberfläche ähnlich einer Patina überzogen war, und vor dem sich eine beängstigende Statue, die einer unheimlichen Mohnblume glich, befand. Doch meine Neugier packte mich und ich lief geradewegs zur grünlich wirkenden Mauer. Bedächtig ging ich den schmalen und steinigen Weg zur anderen Seite, die von einer Art Rondell etwas eingegrenzt und von den anderen Gräbern abgelegen war. Je mehr ich mich der abschreckenden Mauer näherte, umso mehr erkannte ich die in Stein gemeißelte Widmung auf dem breiten Mittelstück, auf dem am oberen Rande ein vergoldeter Lorbeerkranz zu sehen war.

Nun stand ich vor dem festen Stein und traute mich kaum, genau hinzusehen, denn plötzlich spürte ich eine heftige Böe, die mir fast den Boden unter meinen Füßen wegriss, und bemerkte, wie sich die Wolken am Himmel zuzogen und es um mich herum immer düsterer wurde. „Nein, ich drehe jetzt nicht um, jetzt, wo ich so nah daran bin, die Wahrheit herauszufinden.“, versuchte ich selbstbewusst in die Welt hinauszurufen und mich nicht von meiner Angst einnehmen zu lassen.

Ich trat mutig vor das Grabmal. Mein Blick fiel zuerst auf die mittig stehende Inschrift, die ich begann, laut vorzulesen:

Den tapferen Söhnen, die mit Heldentod für Volk und Vaterland im Kriege starben:
Wo ihr auch ruhet nach des Herren Rat,
auf künftiger Erde mit blutiger Saat,
nimmer vergangen im deutschen Land,
so setzt euch zur Ruh‘ in des Herren Hand.

Meine Augen füllten sich mit Tränen und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ein schauerliches Gefühl umgab mich, Furcht ergriff meinen Geist. Mit einem Mal fühlte ich mich in den endlosen Weiten des nebligen Mischwaldes verloren. Mein Verstand betete mich an, diesen Ort zu verlassen und meine Beine verspürten den leichten Drang, mich an einen sicheren zu bringen. Aber irgendetwas in mir hielt mich dort und bewegte mich zu bleiben, wenigstens einen Moment.  

Näher herantretend berührte ich den mühsam gefertigten Lorbeerkranz des gewaltigen Mauersteins und fühlte, wie sich meine Finger in die tiefen Mulden und Einkerbungen legten, als ich ein auffällig weich klingendes Geräusch hörte. Vorsichtig trat ich einen Schritt zurück und vernahm das dumpfe Geräusch stärker. Ich wusste nicht, wo es herkam oder was es war. Doch noch bevor ich dies herausfinden konnte, war es auch schon verschwunden. Nun umgab mich nur noch die unheimliche Stille des auf einmal fast leeren Friedhofs. Allein ein leises Rauschen der Blätter war zu hören. Fragend drehte ich mich voller Furcht um, aber auch daraus gewann ich keine Erkenntnis.

Hoffnungslos und verwirrt schaute ich mich auf dem verwucherten Friedhof um. Mein Blick fiel auf die zwei Platten mit den Namen der Gefallenen, welche unscheinbar neben der großen aufgestellt worden waren. Interessiert betrachtete ich das Geschriebene und erfasste es mit Augen und Verstand.

„Walter Anders: 10.08. 1888 bis 15.09. 1915, Albert Fischer: 23.03. 1898 bis 02.10.1918 (vermisst), Karl und Erwin Schilling: 06.11.1894 bis 05.11. 1916“, ging ich langsam mit pochendem Herzen durch die Reihen.

Der Wind schien stärker zu werden, die mich umhüllende Stille wurde zur einer mächtigen Nebelgestalt, die mich immer mehr mit ihrem Sog erdrückte und die Luft drohte knapper zu werden. Doch ich blieb standhaft die nächsten Daten erblickend stehen und las weiter: „05.10.1881 bis 08.07.1917 Max He-“ Mein Atem stockte. Geschockt sah ich vom Stein auf und hielt die Luft an. Es fühlte sich so an, als umgäbe mich eine erstarrte Welt aus eisiger Kälte, die drohte, auch mich einzunehmen. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Stand ich wirklich vor dem Grab meines Vorfahren, über den nie jemand ein Wort verloren hatte, obwohl man seine Existenz nicht leugnen konnte?  Nach einem kräftigen Atemzug besann ich mich wieder und betrachtete aufgewühlt das mühselig in Stein Gemeißelte. Ich begann meine Hände über das Ausgearbeitete zu streifen. Plötzlich blieb ich in der tiefen Mulde des X hängen, die möglicherweise wie der Hühnergott am Meer durch Verwitterung oder kräftige Winde entstanden war. Doch das erschien mir als irreführende Unwahrheit. Verblüfft berührte ich den Schriftzug noch einmal, fühlte die nach innen immer größer werdende Vertiefung und drückte vorsichtig dagegen. In diesem Augenblick blätterte ein Teil der Steinplatte der äußeren Seite ab und fiel zu Boden. Erschrocken zog ich meine zarten Finger aus der tiefen Kuhle und ließ meinen Blick zur rauen Außenseite der Tafel schweifen. Voller Erstaunen entdeckte ich dort eine kleine Öffnung an der unscheinbaren Flächen des mächtigen Steins. Augenblicklich zog mir ein etwas durch Herz, Mark und Bein. Ein angespanntes Gefühl strömte nun durch meine Adern und ich wusste nicht, ob ich in meiner Unruhe nun Freude oder Furchtsamkeit empfinden sollte. Doch die Neugier und unglaublich große Wissbegierde überkam mich schließlich, sodass ich nicht lange zögerte, den Inhalt des eigenartigen Lochs zu erfahren.

Achtsam griff ich in den dunkel wirkenden Spalt hinein. Plötzlich fühlte ich einen runden Gegenstand, etwa so groß wie meine Handfläche, der glatt, aber zugleich auch unglaublich rau war und zog ihn aus der Öffnung heraus.

Überrascht und ratlos starrte ich den entdeckten Gegenstand an. Es war eine alte, goldene Taschenuhr, wahrscheinlich eine Savonette, die die fein verzierte Gravur „M.H.“ trug. Ihr besonders aufwendig verziertes Aussehen ließ mein Herz förmlich höherschlagen.

Sie besaß eine Art Knopf an der Oberseite, womit man den verholzten Deckel des Zeitmessers öffnen konnte. Doch so oft ich es auch zu versuchen vermochte, die Uhr blieb so fest geschlossen, als wären Deckel und Ziffernblatt reglos miteinander verschmolzen. Daher drehte ich die Savonette konzentriert untersuchend um und betrachtete ihre schwere, deutlich massivere Rückseite. Erstaunt, als wäre ich aus allen Wolken gefallen, erblickte ich die braune Fläche und die sich darauf befindende Verschlüsselung. Darüber rätselnd, was eine solche Kombination aus vier Zahlen sein konnte, ließ ich meine Gedanken hoffnungsvoll ausschweifen und sah mich rätselnd um. Plötzlich sprangen mir die Namen der Kriegsopfer wieder ins Auge. Nach meinem Ururgroßvater suchend durchforstete ich mit meinen mittlerweile schwächer werdenden Augen hastig die Namen, bis ich den seinigen gefunden hatte. Mein Herz sagte mir, dass sich hier des Rätsels Lösung befinden musste. Nachdenklich betrachtete ich die Zeile nach Hinweisen suchend, aber weder der Tod noch die Geburt halfen mir weiter. Die Sache für aussichtslos haltend wendete ich den Blick von der Platte ab, als plötzlich die Worte einer mir unbekannten Stimme in meinem Geist erklangen: „Nicht immer können Dinge allein des Rätsels Lösung sein. Doch vereinst du sie in einem wird dies der Schlüssel zu deinem.“ „Max?“, fragte ich schreiend in den Abend hinein und drehte mich bestürzt nach allen Seiten um, doch es war niemand weder zu hören noch zu sehen. Dennoch dankend wandte ich mich wieder der Verschlüsselung zu, bis mir schließlich etwas in den Sinn kam, nachdem ich die Tage und Monate betrachtet hatte, deren Quersumme gemeinsam jeweils 15 ergab. Aufmerksam schaute ich die Jahreszahlen an, deren Ziffern je 18 zählten. Ruhelos nahm ich die alte Uhr hervor, die ich bis eben sicher in meiner Jackentasche aufbewahrt hatte, und drehte nervös 1518 ein. In diesem Moment sprach der Deckel der Savonette wie von selbst auf. Mein Blick fiel auf ihre helle Mitte, auf der Stunden- und Minutenzeiger wie auf die Sekunde genau ihre Runden über das Ziffernblatt fuhren. Begeistert drehte ich die Uhr leicht und spürte ein sonderbares Gefühl in mir aufkommen, als meine Augen die Innenseite des Deckels erfassten. „Erinnerungen sterben nicht“, stand es eingraviert auf wunderschöne Art und Weise geschrieben und es fühlte sich so an, als schenkte mir die Taschenuhr ihre ganze Zeit, die sie schon über all die Jahre gemessen hatte, innerhalb weniger Sekunden. Einen Augenblick lang begann ich darüber zu grübeln, jedoch hatte ich mich nun daran gewöhnt, nicht alle Geheimnisse lüften zu können.

Nach einem kurzen Moment der Besinnung beschloss ich, während ich zum immer düsterer werdenden Himmel aufsah, mich nun zurück nach Hause zu begeben. Danach schaute ich ein letztes Mal auf die eindrucksvolle Uhr, die auf sonderbare Weise etwas Magisches an sich trug, durch das ich mich sicher und geborgen fühlte, klappte den vergoldeten Deckel vorsichtig zu und legte sie in sichere Verwahrung, nachdem meine Finger noch einmal über die Struktur der hölzernen Rückseite berührt hatten.

Auf dem Weg zum Ausgang spürte ich, dass die Begegnung mit Max etwas in mir ausgelöst und ein neues Kapitel in mir geöffnet hatte. „Max“, sprach ich ihn in den Abend hinein an, „als Reisender erblickst du die Zeit, bis es ist soweit. Doch bist du dir sicher, dann zeigt dir stets die Uhr, wie du gehst auf deiner richtigen Spur.“

Durch mein Erlebnis geprägt und in der Hoffnung, dass ich Max je wiedersehen würde, lief ich in Gedanken versunken den schmalen Weg neben Wiesen und Feldern bergab. Ich vernahm das laute Rauschen Blätter kaum, sondern hörte tief in Gedanken Max´ Worte, die der Wind nun übers Land trug: Erinnerungen sterben nicht.

1

Ruhla – Momentaufnahmen meiner Heimat

Als Dreizehnhundertfünfundfünzig
Ein neuer deutscher Kaiser thront,
Im Frankenreich der schwarze Prinz nicht
Das Land und nicht die Menschen schont,
Trat eine Siedlung frisch ans Licht
Mit Namen Rolla, klar und schlicht,
Dem Bache gleich, der springt und fließt
Und in den Erbstrom sich ergießt.

Die Köhler waren’s und die Schmiede,
Die diesen Ort gegründet hatten,
Um Holz und Erze, ganz solide,
Zu bergen in des Waldes Schatten.
Und auch des Krieges Wehr, die Waffen,
Wurden ganz meisterhaft geschaffen.
Dann kamen Hirten, kamen Bauern,
Und Wohlstand wuchs in Ruhlas Mauern.

Das Messerschmieden kam zur Blüte
Wie nicht ein zweites Mal im Land,
Den Rühler Schmied mit starker Güte
Graf Ludwig sah mit schwacher Hand
Und wurde hart, so hart wie Eisen,
Dem eigenen Adel zu verheißen
Nie mehr zu sein des Volkes Plage.
Welch‘ guter Stoff für eine Sage!

Doch Einigkeit ist nie von Dauer,
Wenn Trennung dunkel niedersinkt,
Geteilte Länder tragen Trauer,
Da Zwietracht niemals Segen bringt.
Auch Ruhla trug der Spaltung Fron
Und stand zwei Herzögen in Lohn.
Zwei evangel‘sche Kirchen zeugen
Noch heut‘ vom unfreiwill‘gen Beugen.

Das Messerhandwerk ging dahin
Im kleinstaatlichen Walten,
Doch lag darin auch der Beginn,
Um Neues zu entfalten.
Als Kurbad kam die Stadt zu Ruhm,
Bekannt im ganzen Königtum.
Die Forstwirtschaft gedieh zur Ehre
Dank Forstrat Königs Waldmesslehre.

Und auch des Kunsthandwerks Erfahrung
Niemals verging an diesem Ort.
Der Hände und des Geistes Paarung
Sie leben hier auf ewig  fort.
Geschnitzter Tabakspfeifen Pracht
Hat Ruhla neue Ehr‘ gebracht.
Der Meerschaum-Pfeifenköpfe Stil
Empfing der Lobgesänge viel.

Hurra! Hurra! Sie alle rufen:
Hurra! Und nie war Lebenslust
So groß. Auf vielen Straßen, Stufen
Sieht man manch‘ stolzgeschwellte Brust.
Denn Stadtrecht wurde heut‘ verkündet
Auf das die Stadt zur Stadt sich findet.
Kurz darauf auch die Teilung endet:
Die Stadt geeint, das Blatt gewendet.

Und weiter ging des Handwerks Streben
Den gold‘nen Boden zu bereiten,
Die Industrie entstand, um Leben
Und  Reichtum stetig auszuweiten.
Speziell die Produktion von Uhren
Prägte das Bild in Ruhlas Fluren
Für mehr als hundertzwanzig Jahre.
Das Gott noch länger sie bewahre!

Gegründet Achtzehnzweiundsechzig,
Metallwaren der Brüder Thiel
Verkauften sich ringsum so prächtig,
Dass bald ihr Blick auf Uhren fiel.
Erst kamen Spiel-, dann Taschenuhren
Aus Ruhlas Manufakturen.
Die Stadt, sie wurde weit bekannt
Im Ausland und im Heimatland.

Als erster deutscher Produzent
Baute man Armbanduhren dann,
Erfolgreich bis zu dem Moment,
Als aus dem Nichts ein Krieg begann.
„Was machen wir?“ fragten die Gründer
Und fertigten von da an Zünder.
Ging auch der zweite Krieg verloren:
Die Uhren wurden neu geboren.

War jetzt der Staat ein völlig Neuer
So wie das Produktionssystem,
Es glühte doch das alte Feuer
Im Uhrenbau wie ehedem.
Ganz neu entstand die Uhrfabrik
Durch sie erwuchs auch Ruhlas Glück.
Und lange sonnt‘  im hellsten Glanz sich
Die Uhr Kaliber vierundzwanzig.

Doch Staaten können selbst zerbrechen,
Auch wenn sie lange Zeit nichts merken;
Denn manchmal nur sind‘s eig‘ne Schwächen,
Doch häufig and‘rer Staaten Stärken.
Und brachte Freiheit auch die Wende:
Ging doch manch‘ Gutes hier zu Ende.
Das Uhrenwerk ward  liquidiert
In kleine Firmen überführt.

Die Stadt stand wieder vor dem Nichts,
Gezwungen, neu sich zu entdecken.
Sie tat’s entschlossen, angesichts
Zahlreicher wirtschaftlicher Schrecken.
Touristisch fing der Ort jetzt an
Mit mini-a-thür und Rodelbahn.
Als neuster Abschnitt Rühl’scher Dichtung
Entstand die Ferienhaus-Lichtung.

Und blick‘ ich heut‘ aus meinem Zimmer
Auf diese Stadt, voll Zärtlichkeit;
Schau‘, wie sie träumt im Abendschimmer
Von manch‘ großer Vergangenheit.
Seh‘ der Bewohner Ehrlichkeit,
Die mir ans Herz wuchs mit der Zeit.
Dann weiß ich: Mit nur etwas Mut
Wird sicher alles, alles gut.

0

Graue Welt

Er schraubt seinen Füller auf, nimmt die leere Patrone heraus, schneidet sie auf und entnimmt ihr fast professionell die kleine Glaskugel. Bis heute ist ihm unklar, was sie darin eigentlich verloren hat. Sie gleitet durch die Rillen auf seiner Handfläche und verliert immer mehr und mehr ihre nachtblaue Farbe, bis sie schlussendlich fast durchsichtig ist. Nachdem sie dreimal auf- und abgesprungen ist, rollt sie nun in einer leichten Rechtskurve auf die Tischkante zu. Es fällt ihm schwer, der flüssigen Bewegung der Kugel zu folgen, denn die zwei Stunden Schlaf, die er letzte Nacht hatte, reichten wie immer nicht aus, um sich auch nur halbwegs auf die Welt um ihn herum zu konzentrieren. Als die Kugel den Abgrund erreicht und kurz davor war, im grauen Nichts des altmodischen Linolbodens zu verschwinden, konnte er sich plötzlich voll und ganz auf sie konzentrieren. „Bin ich diese Kugel?“, fragt er sich. „Habe ich im Lauf meines Lebens all meine Farbe verloren und bin jetzt einer wie alle?“, geht es ihm durch den Kopf. Genauso gut hätte er daran denken können, wie man die Fallgeschwindigkeit oder die Zeit, die die Kugel benötigt, um den Boden zu erreichen, berechnen kann. Doch ist es nicht genau das, was einen grau macht? Ruckartig schießt er unter den Tisch, um die kleine Glaskugel vor dem Verschwinden in der Unendlichkeit zu bewahren. Die ganze Klasse schrickt auf, schaut ihn an und fängt an zu lachen. Er könnte jetzt vor Scham im Boden versinken, doch das Gelächter der Klasse scheint auf eine unsichtbare Wand zu treffen. Als er seine Faust öffnet und sieht, dass er sie gefangen hat, beginnt er zu lächeln.

1