Der Birnbaum

Auf einer Wanderung mit Vereinsfreunden besuchten wir den Hainich. Es war ein schöner sonniger Tag, der uns nach Hütscheroda führte, wo auch die Wanderung begann. Bunt hatte sich das Laub an den Bäumen gefärbt. Diese Farbenpracht war Balsam für die Seele. Wir fanden Zeit, uns zu unterhalten und manches Problem wurde mit jedem Wanderschritt leichter. Nachmittags, am Skulpturenweg angekommen, schien die Sonne mit aller Kraft. Unter einem der alten verwilderten Birnbäume war es auszuhalten, denn er warf genügend Schatten. Die Verschnaufpause tat gut und ein Blick in die dicht belaubte Baumkrone zeigte viele kleine Früchte, von Insekten umschwärmt. Es war ein Summen und Brummen. Die Melodie wurde durch das Windspiel der Blätter ergänzt. Da ergriff unsere Wanderfreundin Erika das Wort. Sie zog aus der Tasche ein Blatt Papier hervor.

Sie, schon Mitte Siebzig, aus dem Havelland stammend, begann, uns die Ballade von Theodor Fontane „Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland … “ vorzutragen. Wir staunten, denn das Gedicht von dem edlen Birnenspender kannte wohl jeder. Es passte genau zu unserer Wanderpause unter dem Birnbaum. Wir klatschten Beifall und Erika freute sich. Danach wurden die Wildbirnen verkostet und alle waren überrascht, weil diese vorzüglich schmeckten!

Leider stellte sich einige Monate später heraus, dass Erika fortschreitende Demenz hatte. Ein Schock, sie musste ins Pflegeheim.

Ein Familienausflug in diesem Frühjahr führte uns ins Brandenburgische nach Ribbeck. Das Dorf präsentiert sich als netter kleiner Ort mit landestypischen Wohn- und Gasthäusern, Bauernläden, einer Dorfkirche und dem Schloss, alles rund um den Marktplatz angeordnet. In der Dorfkirche besuchten wir die Fontane-Ausstellung, bewunderten den Stumpf des alten originalen Birnbaums, den Freiherr von Ribbeck gepflanzt haben soll und auch den neu gepflanzten Birnbaum im Garten an der Kirche. Es war eine wunderbare Reise in die Geschichte.

Wieder zu Hause kreisten meine Gedanken um das Erlebte und um Erika. Das muss ich ihr erzählen! Ich besuchte sie im Pflegeheim und, obwohl sie geistig abwesend schien, zeigte ich ihr die Postkarte mit dem berühmten Birnbaum und dem Gedicht. Leise las ich die ersten Zeilen und dann, leise aber deutlich, stimmte Erika ein und gemeinsam beendeten wir die Ballade. Das war Musik in meinen Ohren! Mit einem glücklichen Lächeln drückte sie meine Hand.

Hannelore Saalfeld

1