G. Verges (78)

Dort

sitzt du
mir gegenüber
und unsre blicke
treffen sich
nicht wie die parallelen
in der unendlichkeit
nein
sie prallen auf einander
ein funke springt
von dir zu mir
von mir zu dir
und tief im inneren
glimmen längs vergessne flammen auf
ein zartes feuer
frisst sich bis in den bauch
wo schmetterlinge
ihre alten flügel glätten
in dieser wärme
und gleich
mit ihrem tanz beginnen
es wurde zeit

2019

3

Deutschland

Ich denke an dich
Das taten vor mir schon viele
In unterschiedlichen Jahrhunderten
In verschiedenen Gesellschaften
Und immer klang Sorge mit
Sorge um unser Land
Das sich vom Größenwahn nicht lösen kann
In dem sich das Denken
Wir wären etwas Besseres
So hartnäckig hält

Sie sitzen in den Startlöchern
Die Nachkommen der Räuber
Die unsere Väter waren
Sie brachten der Welt den Krieg
Und Not und Tod und Verderben
Und leugnen heute alles
Was man nicht leugnen darf
Weil es so grausam war

Wir glaubten
Dass die Nacht
Die damals über Deutschland kam
Längst überwunden wäre
Und dass es hell wird in den Köpfen
Doch nein
Der blasse Traum zerschellte
An einer Herrschaft voller Schwäche
Die keine Grenzen setzen wollte
Im Denken dieser Gestrigen
Und sich nicht einig war
Und Feinde dort sah
Wo keine Feinde sind

Die alten Weisen klingen gar nicht gut
Es drohen Not und Tod und Krieg
Und Diktatur der Dummheit
Ohne Skrupel und Gewissen
Und später hat man das doch nicht gewollt
Und später hatte jeder nur seine Pflicht erfüllt
Und später war es niemand je gewesen

Deutschland
Ich habe Angst

4

Himmel

Warum nur bist du männlich?
Wie eine Frau, die anderen gefallen will,
ziehst du dir immer wieder neue Kleider an
aus Schleiern, Spitzenwerk und Pelz.
Das Schmücken brauchst du.
Du Himmel, männlich.

Und manchmal gehst du nackt –
wie heute, schamlos blau und rein…
Du Himmel, männlich.

Am Morgen kleidet dich ein Rosarot,
und geht der Tag vorbei, dann hüllst du dich in Feuerpracht.
Ein Abgesang schnell vor der Nacht…
Du Himmel, männlich.

Du hältst dich nicht an diese Regel,
dass Männer Schwäche zeigen, wenn sie weinen.
Du Himmel, männlich, lässt die Tränen zu.
Mal sacht und dauernd, mal stürmisch aufgewühlt.
Du Himmel, männlich.

Dein Sternenreigen lehrt mich Demut
in einer lauen Sommernacht.
Du Himmel, männlich.

Und bist du Blei, dann liegst du schwer auf meiner Seele,
Du Himmel, männlich.

2019

3

Männliches Maienlied

man(n) singt im mai
„sie liebt mich doch
sie ist so frei
sie liebt mich nicht
sie liebt mich noch“

und hofft darauf
dass sie verspricht
was man(n) von herzen glaubt

„im bauche fliegen schmetterlinge
das ist ja wohl erlaubt
wenn ich auf grünen wiesen springe
dann komm
mein schatz
und folge mir
wir finden einen platz
ich male dir
auf glanzpapier
was ich für dich empfinde

schon wehen lind die winde
und bringen frühlingsdüfte
die unsre nasen streicheln
ich fasse deine hüfte
und muss dir ständig schmeicheln
wie schön du bist
mein maienkind

wenn der november trist
mir meine seele trübt
dann denke ich geschwind
an dich
die mich so liebt … “

5

Das Alter

Vor dem wir uns
Manchmal fürchten
Beginnt dann
Wenn wir nicht mehr
Staunen können
Wenn unsere Augen
Uns stumpf verraten
Wenn uns Häme
Und Neid auffressen
Und alle Falten
Im Gesicht
Nach unten zeigen
Wenn uns
Das Lachen eines Kindes
Nicht mehr ansteckt
Zu Frohsinn und Alberei
Wenn wir allein
In uns gefangen sind
Dann beginnt das Alter

6

Grundbedürfnis

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Muss ich erklären, aus welchem Werk ich diesen Satz zitiert habe? Nein. Bestimmt nicht.

Welche Menschen sind denn gemeint? Nur die Deutschen? Die Europäer? Welche Europäer? Die reichen? Die weißhäutigen? Fragen, die man sich angesichts der jetzigen Situation ruhig einmal stellen darf!

Aber, kommen wir auf etwas Allgemeines, Grundsätzliches zurück: Was braucht der Mensch zum Leben? Er muss seinen Hunger, seinen Durst stillen können, eine Schlafstatt und, wenn es geht, ein Dach über dem Kopf haben. Dann braucht er noch eine Arbeit, mit der er seine Grundbedürfnisse und vielleicht noch etwas mehr befriedigen kann. Er braucht Freunde und Partner, die er sich selbst sucht, die ihn schätzen, und eine Familie, in die er hinein geboren wird, die ihn schützt und ihm beisteht. Im Normalfall.

Alles andere – dieses mehr oder weniger protzige Eigenheim, das zusätzliche Wochenendhaus, die ein, zwei, drei Autos pro Familie, den Urlaub in weit entfernten Gegenden, das Pferd, die Yacht, den protzigen Schmuck und die Rolex, die dicken Konten, 312 Fernsehprogramme – darauf kann man verzichten. Darauf müssen die meisten Menschen auf der Welt sogar verzichten.

Wir leben hier in Mitteleuropa in einem sagenhaften Reichtum, der nicht nur in unserem Klima, sondern auch zum Teil in unserer Kolonialgeschichte begründet liegt. Mit den Augen eines Flüchtlings betrachtet, ist hier bei uns der Himmel auf Erden, das Schlaraffenland.

 Wir müssen nicht zu jeder Stunde des Tages um unser Leben fürchten. Wir müssen uns nicht verstecken, weil gewalttätige und mordende Banden durch unsere Heimat marschieren, alles mit Hass und Krieg überziehen, die primitive Infrastruktur zerschlagen und sogar vor unseren Kindern nicht Halt machen.

Wir müssen nicht täglich ein paar Kilometer durch wüstenähnliches Land laufen, um Wasser zu holen. Wir müssen nicht Brennholz sammeln, um überhaupt wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag zubereiten zu können. Alles Selbstverständlichkeiten für uns.

Ein Gedanke kommt mir in diesem Zusammenhang: Was bewegte eigentlich viele unserer eigenen Landsleute früher, die DDR zu verlassen und ihr Glück im Reiche der West-Mark zu suchen? Ausschließlich politische Gründe? Das wage ich zu bezweifeln!

Und sie mussten sich damals nur für 20 Pfennig in die Berliner S-Bahn setzen. Wenigstens bis 1961.

Wie viele Menschen sind eigentlich in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken? Im Versuch, the United Kingdom über den Eurotunnel zu erreichen, umgekommen?

Ich muss an Willy Brand erinnern, der schon vor ein paar Jahrzehnten darauf aufmerksam machte, dass nicht der Ost-West-Konflikt das Problem der Zukunft sein würde, sondern der Gegensatz zwischen Nord und Süd!

Wir, vor allem unsere Politiker nahmen diese Warnung nicht ernst. Jahrzehntelang steckte man den Kopf in den Sand! Man machte weiter so, wie bisher! Wird schon nicht so schlimm werden!

Schließlich liefen ja etliche Projekte in der Dritten Welt, oder? Wer hat denn daran verdient? Hat irgendjemand einmal Kontrolle ausgeübt? Wahrscheinlich nicht. Es waren Pflaster auf Beinbrüche, wie man so sagt!

Und jetzt ist es soweit. Der Süden kommt, um sein Recht auf ein normales Leben, auf Grundbedürfnisse einzuklagen.

Von oben her national diesbezüglich nur Gesetze zu erlassen und die Folgen den Ländern, Landkreisen, Gemeinden und vor allem den ehrenamtlichen Helfern zuzuschieben, ist wahrlich keine Lösung!

Der Aufstand der Armen dieser Welt ist ein globales Problem!

Willy Brand hatte Recht! Fangen wir endlich an zu teilen!

Was braucht der Mensch zum Leben?

Und:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

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