Von den Zwergen aus unseren Bergen

Letzten Sommer saß ich im Ruhlaer Karolinenpark auf einer Bank, um mich auf meinem Nachhauseweg ein wenig auszuruhen. Geradeaus erhob sich vor mir der Dornsenberg und „Rückendeckung“ gab mir der Breitenberg. Beim Blick nach links sah ich den Kamm des Mühlrains und rechts den Ringberg mit dem Alexanderturm. „Bergstadt Ruhla“ ging mir da gleich durch den Kopf… Dann kam mir sofort in den Sinn, dass vor 30 Jahren genau an dieser Stelle noch niemand daran gedacht hätte, hier allein auf einer Bank mitten im Grünen dem Plätschern des Erbstroms zu lauschen. An dieser Stelle befand sich nämlich die „ERU“, eine der drei großen Industriekombinate unserer Stadt. Hier herrschte geschäftiges Treiben, hier pulsierte das Leben. „Planerfüllung“ stand hier wie anderswo im Fokus, aber auch kulturell war so einiges los. Mir fiel da spontan die jährliche Kinderweihnachtsfeier ein oder der Frühshoppen am ersten Mai mit Bratwurst und Musik der „ERU-Combo“. Ja, es gab echte „Livemusik“!

Nun ging ich mit meinen Gedanken noch weiter zurück: Wie sah es wohl hier aus, als die „ERU“ noch nicht hier stand? Vielleicht so ähnlich wie jetzt?
Irgendwann gab es ja auch in Ruhla die ersten Siedler. Wie man aus der Geschichte des Ortes weiß, waren das Köhler und Messerschmiede, die sich Wasser und Holzreichtum zunutze machten.

Aber was war davor???

Um mir diese Frage zu beantworten, benutzte ich meine Fantasie und machte mir „einen eigenen Reim“ darauf…


Es war einmal ein kleiner Zwerg, der lebte ganz oben im Dornsenberg
in einer Hütte ganz aus Stein und war meistens ganz allein.
Schon hundert Jahre lebte er dort, war nie an einem anderen Ort.
Has‘ und Reh und Hirsch und Schwein lud er öfter zu sich ein.
Drüben an dem Breitenberg lebte auch ein kleiner Zwerg.
Der hatte ein anderes Gemach: ein Hüttchen aus Holz, aus Moos das Dach.
Er konnte über Wiesen zieh’n und wusste, wo frische Kräuter blüh’n.
Jeder lebte für sich allein, keiner kam in sein Reich hinein.
Ein großes Tal dazwischen war, mit einem Bach ganz kühl und klar.
Es gab damals noch keinen Weg, über den Bach noch keinen Steg.
Oftmals sah ein kleiner Zwerg gegenüber hin zum Berg.
Und dachte so für sich allein: wie wird es wohl dort drüben sein?

Eines Tages saß der Zwerg ganz traurig hoch oben im Dornsenberg.
Er hatte starken Schmerz im Rücken und konnte sich gar nicht mehr bücken.
Auch hatte er im Bein noch Schmerzen, das ging ihm alles sehr zu Herzen.
„Wenn ich doch nur etwas fänd‘, das mir Hilfe bringen könnt‘!
Verzweifelt lief er in das Tal, jeder Schritt war eine Qual.
Der Zwerg gegenüber war heut auch ganz traurig, immer allein, das ist doch schaurig!
Er dachte: „Ach was gäbe ich doch her, wenn ich nicht so einsam wär‘!
Vielleicht“, denkt er, „schau ich einmal hinunter in das tiefe Tal.“
Er hatte seinen Pfad gefunden und plötzlich war auch er ganz unten.
So kamen beide irgendwann unten an dem Flüsschen an.
Sie sahen sich ins Angesicht und trauten ihren Augen nicht.
„Juchhe“, rief der vom Breitenberg, „Du bist ja auch wie ich ein Zwerg!
Ich dacht‘ ich wär hier ganz allein! – Doch was ist mit Deinem Bein?
(Osteoporose, Rheuma oder Gicht, kannten Zwerge damals nicht.)
„Gönne Deinem Bein mal Ruh‘ und nimm Arnika dazu.
Reibe dann Dein krankes Bein mit dem Saft der Pflanze ein.“
„Doch,“ sagte nun der andere Zwerg, „die wächst ja nicht am Dornsenberg.
Gern würde ich sie einmal sehen, mal über Deine Wiesen gehen!“
Dann kam ein furchtbar lautes „Ach, viel zu tief ist doch der Bach.
Wie soll ich denn nur zu Dir laufen, ich habe Angst ich muss ersaufen.“
Der andere rief zu ihm „Hast….Du nicht mal einen langen Ast?“
Ja, Äste lagen hier genug, doch was sollte dieser Spuk?
„Schieb den längsten mal hier drüber und dann komm ich zu Dir rüber.“
Gesagt, getan, bald war die Lücke zugebaut mit einer Brücke.
Wie leicht doch plötzlich alles war: Das Bein wurde heil dank Arnika
und es war auch ungelogen des andern Traurigkeit verflogen.
Später kam noch mancher Zwerg herab von einem andern Berg.
Als er das Glück hier unten sah, blieb er auch für immer da.
Jeder hat was mitgebracht, es wurde viel im Tal gelacht!

Heut‘ fragt man sich, wo sind sie nur, von ihnen fehlt doch jede Spur.
Doch auch heute noch, fällt mir grad ein, kann man sie hier sehen aus Stein.
Auf so manchem Blumenbeet einer noch von ihnen steht.
Mit einem Lachen im Gesicht, denn Traurigkeit gab’s damals nicht.
Und sie tun’s noch heut‘ uns kund: unsere Welt ist schön und bunt!

Petra Böttger

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